Wirtschaftliche Erholung bleibt schwach

von Hubert Hunscheidt

Zwar wird sich die deutsche Wirtschaft wohl in diesem Jahr von den Folgen des Energiepreisschocks erholen. Die Erholung dürfte durch die hohen Energiepreise und den damit verbundenen Kaufkraftentzug aber schwach bleiben. Die Arbeitslosenquote dürfte 2023 bei 5,4 Prozent, 2024 bei 5,2 Prozent liegen. Die Inflation dürfte in diesem Jahr 5,5 Prozent betragen und im nächsten auf 2,2 Prozent zurückgehen. Das RWI erwartet für das laufende Jahr ein staatliches Budgetdefizit von 70 Milliarden Euro und für 2024 ein Defizit von knapp 58 Milliarden Euro.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Das RWI erhöht seine Prognose des deutschen Wirtschaftswachstums für 2023 gegenüber Dezember vergangenen Jahres leicht von - 0,1 auf 0,2 Prozent. Für 2024 erwartet es nahezu unverändert 1,8 statt 1,9 Prozent.
  • In diesem Jahr dürfte sich die deutsche Wirtschaft zwar von den Folgen des Energiepreisschocks erholen. Die Erholung wird aber wohl schwach ausfallen, weil die anhaltend hohe Inflation zusammen mit noch steigenden Zinsen vor allem die Binnennachfrage belastet. Erst im nächsten Jahr ist im Zuge steigender Realeinkommen zu erwarten, dass insbesondere der private Konsum wieder stärker anzieht.
  • Die sinkenden Energiepreise begünstigen derzeit vor allem größere Unternehmen, an die Preisänderungen relativ schnell weitergegeben werden. Private Haushalte und kleinere Unternehmen werden in den kommenden Monaten durch die Gas- und Strompreisbremsen entlastet, da für viele von ihnen die Gas- und Strompreise in diesem Jahr im Durchschnitt noch über den Grenzwerten der Gas- und Strompreisbremse liegen werden. Erst für das kommende Jahr ist zu erwarten, dass die Energiepreise für die Verbraucher deutlicher sinken.
  • Der Arbeitsmarkt erweist sich weiterhin als robust, insgesamt dürfte die Erwerbstätigkeit im Jahr 2023 im Durchschnitt um fast 300.000 Personen steigen. Für die weitere Entwicklung deuten die Arbeitsmarktindikatoren allerdings auf eine Stagnation und damit auf ein Ende des deutlichen Beschäftigungsanstiegs hin. Ein fortschreitender demografischer Wandel und abklingende Zuwanderung werden wohl dazu führen, dass die Zahl der Arbeitnehmer/innen in Deutschland ab dem zweiten Halbjahr 2024 sinkt. Das RWI erwartet, dass die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten schon ab dem laufenden Jahr wieder rückläufig sein wird, nachdem sie kurzfristig durch die Anhebung der Minijob-Grenze im Oktober deutlich gestiegen war. Die Arbeitslosenquote dürfte 5,4 Prozent in diesem und 5,2 Prozent im nächsten Jahr betragen.
  • Für die Inflation erwartet das RWI in diesem Jahr eine Rate von 5,5 Prozent, für 2024 eine Rate von 2,2 Prozent. Zwar sind die Preise im Februar dieses Jahres noch um 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen. Allerdings dürfte insbesondere die Gas- und Strompreisbremse der Bundesregierung dafür sorgen, dass die Inflationsrate in den kommenden Monaten allmählich sinkt.
  • Das staatliche Budgetdefizit dürfte in diesem Jahr 70 Milliarden Euro betragen und damit geringer ausfallen als im Vorjahr mit gut 101 Milliarden Euro. Durch Steuersenkungen, etwa durch das Inflationsausgleichsgesetz, steigen die Steuereinnahmen zwar weniger stark als das nominale Bruttoinlandsprodukt. Die Staatsausgaben steigen jedoch auch weniger stark an, weil im Jahr 2022 erfolgte Zahlungen wegfallen, die Unternehmen und Privathaushalte im Zuge der hohen Energiepreise erhalten hatten. Im Jahr 2024 werden die Staatsausgaben nur moderat zulegen, weil Sondereffekte wie die Gas- und Strompreisbremsen entfallen werden. Das gesamtstaatliche Finanzierungsdefizit dürfte daher auf knapp 58 Milliarden Euro zurückgehen.
  • In diesem und nächstem Jahr wird sich die Weltwirtschaft voraussichtlich langsam erholen. Sie steht unter dem Einfluss zahlreicher Belastungsfaktoren, darunter die hohe Inflation, Leitzinserhöhungen, die Unsicherheit hinsichtlich der Versorgung mit Erdgas in Europa und die Folgen der chinesischen Corona-Politik. Im Jahresdurchschnitt erwartet das RWI für dieses Jahr einen Zuwachs des Welthandels von 0,3 Prozent, im kommenden Jahr dürfte sich das Expansionstempo mit 3,1 Prozent wieder normalisieren.

Zu den Aussichten für die deutsche Wirtschaft sagt RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt: „Die konjunkturelle Erholung hängt davon ab, dass sich Unternehmen und Haushalte auf höhere Energiekosten einstellen. Dazu ist es notwendig, dass der Gasverbrauch weiter reduziert wird. Damit das nicht mit einer weiteren Verlagerung von Produktion ins Ausland einhergeht, müssen innovative Lösungen stärker gefördert werden.“

Quelle: RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung e.V. / Foto: Fotolia

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