Autor: von Angelika Albrecht

15.05.2019

WGP will ökologische und sozialverträgliche Produktion

Hannover – Die führenden produktionstechnischen Professoren Deutschlands haben beschlossen, die Entwicklung klimaneutral arbeitender Fabriken voranzutreiben. „Es gibt schon viele, sehr gute Ansätze, unsere Industrie umweltverträglicher zu machen. Bislang ist es jedoch nicht gelungen, all diese erfolgversprechenden Initiativen zu bündeln und einen grundsätzlichen Wandel hin zu einem ressourcenschonenden und sozial verträglichen System umzusetzen“, beschreibt Prof. Berend Denkena, Präsident der WGP und Leiter des Instituts für Werkzeugmaschinen (IFW) der Leibniz Universität Hannover auf der WGP-Frühjahrstagung das Problem.

„Uns ist klar, dass unsere Initiative nur dann erfolgreich sein wird, wenn ein Paradigmenwechsel gelingt, weg von der rein gewinnorientierten Produktionswirtschaft hin zu einem gesellschaftlich und ökologisch verträglichen Produktionssystem.“

Seriöses Fundament schaffen


Das geht nicht, ohne die ein oder andere unangenehme Wahrheit auszusprechen und Konsequenzen daraus zu ziehen, die unser aller Leben betreffen. „Wir dürfen diese Konflikte aber nicht scheuen und müssen die Dinge endlich in die Hand nehmen“, betont Denkena. „Das fordert unsere nachkommende Generation aktuell deutlicher denn je.“

Beispiele für nachhaltige Produktion gebe es bereits viele und immer mehr Unternehmen sind bereit, sich für den Umweltschutz zu engagieren. Als Beispiel nennt Denkena Bosch und Siemens, die bis 2020 bzw. 2030 klimaneutral produzieren wollen.

Die WGP hat auf ihrer Tagung vom 8. bis 10. Mai 2019 in Hannover beschlossen, einen Beitrag dazu zu leisten, die zahllosen Einzelinitiativen auf Stadt-, Region- und Systemebene zu skalieren, um produzierende Unternehmen in das gesellschaftliche Gesamtkonstrukt einzubinden.

„Wir haben es dabei mit einer extrem komplexen Themenlandschaft zu tun“, erläutert Prof. Wolfram Volk, Leiter des WGP-Wissenschaftsausschusses und des Lehrstuhls für Umformtechnik und Gießereiwesen (utg) der TU München. „Stichwörter sind CO2-Besteuerung bzw. -Incentives wie sie beispielsweise die Deutsche Bahn ihren Lokführern für Ressourcen schonende Fahrweisen gewährt. Aber auch urbane Produktion, Regionalität, Produktlebenszeit, Kreislaufwirtschaft oder auch wasserstofforientierte Produktion – um nur einige zu nennen – gehören in den Betrachtungshorizont.“

Erste konkrete Maßnahme mittels neuer Medien


Der WGP-Wissenschaftsausschuss will zeitnah ein Konzept zur strukturierten Datenrecherche und -sammlung erarbeiten. Als eine wichtige Zielgruppe definierten die Hochschullehrer ganz bewusst auch Studierende – also diejenige gesellschaftliche Gruppe, auf die sie einen direkten Einfluss haben. So sollen den Multiplikatoren von morgen studentische Abschlussarbeiten zum Thema angeboten werden, um eventuell auf diese Weise auch einschlägige Start-up-Initiativen voranzutreiben. Zudem ist ein neues Lehrformat außerhalb des Unterrichtsplans geplant. Dieses Format könnte – motiviert durch die „Fridays for Future“-Bewegung – ein wöchentliches Informationsforum zur „Future Production“ sein, in dem regelmäßig interessante Beiträge online gestellt werden. Themen können CO2-neutrale und systemintegrierte Produktion sowie Ressourcen schonende Fertigungsverfahren umfassen.

Breiter Schulterschluss notwendig für Neudefinition der Produktion


Die produktionstechnischen Forscher wissen, worauf sie sich einlassen. Radikales Umdenken und die Etablierung neuer Lebenswerte heißt auch, dass „viele noch ungelöste Fragen auftauchen werden. Wichtige Probleme werden aktuell nur verschoben, etwa in andere Regionen oder in Folgeproblemstellungen, und wir werden uns beim Nennen der objektiven Fakten sicherlich nicht nur Freunde machen. Nicht zuletzt aus diesem Grund benötigen wir einen möglichst breiten gesellschaftlichen Schulterschluss, wenn wir Produktion neu definieren und auch die Politik überzeugen wollen“, macht Denkena deutlich. Ziel sei daher, nicht nur auf bestehende Initiativen, Strukturen und Fördermöglichkeiten zurückzugreifen, sondern darüber hinaus nach und nach immer mehr Mitstreiter ins Boot zu holen.


Zur Wissenschaftlichen Gesellschaft für Produktionstechnik e.V.:

Die WPG, Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik e.V., ist ein Zusammenschluss führender deutscher Professorinnen und Professoren der Produktionswissenschaft. Sie vertritt die Belange von Forschung und Lehre gegenüber Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Die WGP vereinigt 66 Professorinnen und Professoren aus 40 Universitäts- und Fraunhofer-Instituten und steht für rund 2.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Produktionstechnik. Die Mitglieder genießen sowohl in der deutschen Wissenschaftslandschaft als auch international eine hohe Reputation und sind weltweit vernetzt.  
 
Die Labore der Mitglieder sind auf einem hohen technischen Stand und erlauben den WGP-Professoren, in ihren jeweiligen Themenfeldern sowohl Spitzenforschung als auch praxisorientierte Lehre zu betreiben.  
 
Die WGP hat sich zum Ziel gesetzt, die Bedeutung der Produktion und der Produktionswissenschaft für die Gesellschaft und für den Standort Deutschland aufzuzeigen. Sie bezieht Stellung zu gesellschaftlich relevanten Themen von Industrie 4.0 über Energieeffizienz bis hin zu 3D-Druck.
 

Quelle und Bilder: WPG. Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik e.V.