Weltweite Stahlproduktion: Stilllegungen in Europa, neue Kapazitäten in Asien

von Hubert Hunscheidt

Die weltweite Stahlindustrie befindet sich weiterhin im Umbruch. Produktionsstillstände, Werksschließungen und Übernahmen prägen die Entwicklung in Europa und Nordamerika. Gleichzeitig entstehen neue Kapazitäten, insbesondere auf Basis der Elektrostahlroute. Das geht aus einer aktuellen Übersicht des britischen Stahlmarktanalysten MEPS International vom 3. November 2026 hervor.

Besonders deutlich zeigen sich die Veränderungen in Europa. Beim italienischen Stahlhersteller Acciaierie d’Italia ruht seit dem 9. Oktober die Roheisenerzeugung am Standort Taranto. Hintergrund sind gerichtliche Entscheidungen über den weiteren Betrieb. Hochofen 2, die zuletzt einzige betriebene Anlage, wurde in Warmhaltung versetzt. Die italienische Regierung stellte weitere 40,5 Millionen Euro bereits genehmigter Finanzmittel bereit und will die Versorgung der nachgelagerten Werke in Taranto und Genua mit Vormaterial sicherstellen.

Auch bei den Hüttenwerken Krupp Mannesmann (HKM) in Duisburg wurde eine Produktionsanlage dauerhaft stillgelegt. Hochofen A ging nach mehr als 53 Betriebsjahren außer Betrieb. Hochofen B soll bis zur Fertigstellung des geplanten Elektrolichtbogenofens im Jahr 2029 weiterproduzieren. Die Roheisenproduktion dürfte dadurch von rund vier Millionen Tonnen im Jahr 2025 auf etwa drei Millionen Tonnen 2026 zurückgehen. Der neue Elektrolichtbogenofen soll über eine Jahreskapazität von bis zu 2,5 Millionen Tonnen verfügen.

In der Ukraine musste ArcelorMittal die Stahlproduktion am Standort Krywyj Rih nach wiederholten russischen Raketenangriffen einstellen. Die Primärstahlerzeugung ruht seit Mitte September. Ein Termin für die Wiederaufnahme der Produktion steht bislang nicht fest.

Übernahmen und Verkäufe verändern die europäische Stahlindustrie

Neben Produktionsanpassungen registriert MEPS mehrere Veränderungen in der Eigentümerstruktur europäischer Stahlunternehmen.

In Italien übernahm Trasteel nach Zustimmung der Europäischen Kommission die operative Kontrolle über das frühere Liberty-Magona-Werk in Piombino. Der Standort verfügt über Kapazitäten von rund 630.000 Tonnen verzinktem und beschichtetem Stahl jährlich. Bis Ende 2027 soll die Produktion auf mehr als 500.000 Tonnen steigen.

Dagegen scheint die geplante Übernahme des Stahlservicecenters ArcelorMittal CLN Distribuzione Italia durch Acciaieria Arvedi vorerst ins Stocken geraten zu sein. Arvedi zog die Anmeldung des Vorhabens bei der Europäischen Kommission zurück.

In Deutschland führt der brasilianische Stahlkonzern CSN exklusive Verhandlungen über den Verkauf von Stahlwerk Thüringen an den spanischen Langstahlhersteller Megasa. Der mögliche Kaufpreis liegt bei rund 550 Millionen Euro. Das Werk in Unterwellenborn verfügt über eine jährliche Produktionskapazität von 1,1 Millionen Tonnen Profilstahl.

Auch Klöckner & Co ordnet sein Beteiligungsportfolio neu. Der Stahlhändler vereinbarte den Verkauf der Becker Group an ein Konsortium aus Accura Investment Partners und Becker Consult + Beteiligungs. Der Abschluss wird vorbehaltlich der behördlichen Genehmigungen noch vor Jahresende erwartet.

EU verschärft Handelsmaßnahmen

Parallel zu den Veränderungen in der Produktion entwickelt die Europäische Union ihre handelspolitischen Schutzmaßnahmen weiter.

Die jährliche Importquote für russische Stahlbrammen wurde zum 1. Oktober 2026 um 12,5 Prozent auf 2,62 Millionen Tonnen reduziert. Ab Oktober 2027 soll sie weiter auf 2,06 Millionen Tonnen sinken. Die Ausnahmeregelung läuft Ende September 2028 aus.

Zudem führte die Europäische Kommission vorläufige Schutzmaßnahmen für kornorientiertes Elektroband und ausgewählte Folgeprodukte ein. Diese kombinieren Zollkontingente mit Mindestpreisschwellen und gelten zunächst bis zum 26. Februar 2027.

Bei kaltgewalzten Edelstahlflachprodukten aus Indien und Indonesien leitete die Kommission eine Überprüfung bestehender Ausgleichszölle ein. Die bisherigen Maßnahmen bleiben während der Untersuchung bestehen.

Nordamerika zwischen Produktionskürzungen und Milliardeninvestitionen

In Kanada legte Stelco die Kaltwalz- und Beschichtungsanlagen am Standort Hamilton in Ontario auf unbestimmte Zeit still. Das Werk verfügt über eine Kaltwalzkapazität von rund einer Million Tonnen sowie Beschichtungskapazitäten von 600.000 Tonnen jährlich. Muttergesellschaft Cleveland-Cliffs will die gesamte Stahlproduktion durch eine Konzentration auf Lake Erie Works und einen höheren Warmbandanteil stabil halten.

Algoma Steel treibt dagegen den Umbau seiner Produktion voran. Am Standort Sault Ste. Marie wurden die elektrischen Tests des zweiten Elektrolichtbogenofens abgeschlossen. Nach vollständiger Umstellung soll die jährliche Rohstahlkapazität rund 3,7 Millionen US-Short-Tons betragen. Die CO₂-Emissionen sollen gegenüber der bisherigen Produktionsroute um etwa 70 Prozent sinken.

Ein besonders großes Investitionsvorhaben plant Mesabi Metallics in den USA. Das zur indischen Essar-Gruppe gehörende Unternehmen will insgesamt 18 Milliarden US-Dollar in eine integrierte Stahlproduktion investieren. Vorgesehen sind drei Milliarden Dollar für Eisenerzförderung und Pelletproduktion in Minnesota sowie 15 Milliarden Dollar für ein neues Stahlwerk in Iowa. Die erste Ausbaustufe soll bis 2030 eine Kapazität von 7,5 Millionen Short Tons jährlich erreichen. Die Finanzierung des Gesamtprojekts ist allerdings noch nicht gesichert.

China und Japan investieren in Elektrostahl und hochwertige Flachprodukte

In Ostasien stehen vor allem neue Produktionsanlagen und die Modernisierung bestehender Werke im Mittelpunkt.

Der chinesische Hersteller Huangshi Xingang Heavy Industry Technology begann in der Provinz Hubei mit der Installation der Anlagen für ein neues Elektrostahlwerk. Das Investitionsvolumen beträgt rund zehn Milliarden Yuan. Geplant sind drei Elektrolichtbogenöfen mit einer jährlichen Rohstahlkapazität von insgesamt 2,25 Millionen Tonnen sowie eine Warmbandstraße.

Japans Nippon Steel bestellte neue Elektrolichtbogenöfen für die Standorte Yawata und Hirohata. In Yawata ist eine Jahreskapazität von rund zwei Millionen Tonnen vorgesehen. Die Anlagen gehören zu einem Investitionsprogramm von umgerechnet 868,7 Milliarden Yen, das auch den Standort Shunan umfasst.

Beim chinesischen Edelstahlhersteller Tisco schreitet unterdessen die Inbetriebnahme einer neuen, 1.780 Millimeter breiten Warmbandstraße in Taiyuan voran. Die Anlage soll jährlich bis zu 4,8 Millionen Tonnen produzieren, darunter 1,35 Millionen Tonnen Edelstahl und 1,2 Millionen Tonnen Elektroband.

Auch die chinesische Edelstahlindustrie konsolidiert sich weiter. Die staatliche Xiamen Xiangyu Group übernahm nach der Insolvenzrestrukturierung von Jiangsu Delong Nickel Industry wesentliche Produktionsanlagen für Nickellegierungen, Rohstahl sowie warm- und kaltgewalzten Edelstahl.

Die MEPS-Übersicht verdeutlicht damit zwei gegenläufige Entwicklungen: Während bestehende Hochofenkapazitäten in Europa unter wirtschaftlichem und strukturellem Druck stehen, investieren Stahlhersteller in anderen Regionen in neue Anlagen und höherwertige Produkte. Welche Auswirkungen dies auf das weltweite Stahlangebot haben wird, hängt nicht zuletzt von der tatsächlichen Umsetzung der angekündigten Investitionsprojekte ab.

Quelle: MEPS International Ltd. / Foto: marketSTEEL