Türkische Stahlexporte überlasten neue EU-Importquoten
von Hubert Hunscheidt
Die zum 1. Juli 2026 in Kraft getretene neue EU-Stahlregelung sorgt bereits in den ersten Wochen für erhebliche Spannungen im Importgeschäft. Vor allem Stahlimporte aus der Türkei haben die neu eingeführten länderspezifischen Zollkontingente (Tariff Rate Quotas, TRQ) in zahlreichen Produktgruppen innerhalb weniger Tage überschritten.
Von den am 30. Juni von der Europäischen Kommission veröffentlichten türkischen Länderquoten waren bereits in den ersten beiden Juliwochen neun Kontingente vollständig ausgeschöpft. Besonders betroffen waren Flachstahlprodukte. Gleichzeitig gilt seit dem 1. Juli ein Strafzoll von 50 Prozent auf Einfuhren, die die jeweiligen Quoten überschreiten.
Flachstahl und Langprodukte besonders betroffen
Die stärkste Überzeichnung verzeichnete warmgewalzter Bandstahl (Kategorie 1A). Das Quartalskontingent von 160.574 Tonnen wurde bereits um rund 135 Prozent überschritten. Auch die Quoten für metallisch beschichtete Bleche (Kategorien 4A und 4B) waren mit mehr als 85 beziehungsweise knapp 90 Prozent Überzeichnung schnell ausgeschöpft.
Bei den Langprodukten überschritt das türkische Kontingent für Bewehrungsstahl von 59.919 Tonnen bis zum 13. Juli die zulässige Menge um fast 80 Prozent. Das Kontingent für Walzdraht aus unlegierten und legierten Stählen lag bereits mehr als 50 Prozent über der Freimenge.
Insgesamt überstiegen türkische Stahlimporte die neuen länderspezifischen Quoten innerhalb der ersten zwei Wochen nach Einführung der Regelung um rund 438.000 Tonnen.
Quoten deutlich reduziert
Grundlage der neuen Regelung ist die Einführung länderspezifischer Kontingente für Staaten, deren Marktanteil bei bestimmten Stahlprodukten im Referenzzeitraum 2022 bis 2024 über fünf Prozent lag. Die jährlichen zollfreien Einfuhrmöglichkeiten für die Türkei wurden dadurch um rund 39 Prozent auf etwa 2,7 Millionen Tonnen reduziert. Insgesamt kürzte die EU ihre zollfreien Stahlkontingente um rund 47 Prozent.
Während einer verlängerten Sperrfrist werden Einfuhren, die in den ersten 14 Tagen eines Quartals oberhalb der Quote angemeldet wurden, bei der späteren Zollabfertigung anteilig mit dem neuen 50-prozentigen Zusatzzoll belastet.
Hoffnung auf zusätzliche „Overflow“-Kontingente
Die neue Stahlverordnung sieht zusätzlich produktspezifische Auffangkontingente ("Overflow"-Quoten) für Länder mit Freihandelsabkommen vor. Diese zusätzlichen zollfreien Mengen werden nach dem Prinzip "First come, first served" vergeben. Allerdings herrscht nach Angaben von Marktbeobachtern noch Unsicherheit über die praktische Anwendung dieses Mechanismus.
Nach Berechnungen von MEPS würde auf türkischen Warmbandstahl ohne Nutzung dieser Zusatzkontingente ein Zusatzzoll von rund 180 Euro je Tonne entfallen. Könnte das Material vollständig über die Overflow-Quoten abgewickelt werden, würde sich die Belastung auf etwa 80 Euro je Tonne reduzieren.
Exporteure befürchten Milliardenverluste
Noch vor Veröffentlichung der endgültigen Kontingente hatte Uğur Dalbeler, Vorsitzender des türkischen Stahlverbandes CIB, vor erheblichen Folgen gewarnt. Er rechnet mit einem Rückgang der türkischen Stahlexporte in die EU um 3 bis 3,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Der daraus resultierende Umsatzausfall könnte sich auf 2,5 bis 3 Milliarden US-Dollar jährlich belaufen.
Europäische Importeure bleiben verunsichert
Nach Einschätzung von MEPS sehen viele europäische Stahleinkäufer die neuen Regelungen kritisch. Neben den höheren Zöllen verteuern auch die künftigen CO₂-Kosten aus dem Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) Importe aus Drittstaaten erheblich.
Teilweise könnten Lieferungen in EU-Häfen liegen bleiben, weil Importeure auf mögliche Anpassungen der Kontingente hoffen. Zwar gelten die quartalsweisen Kontingente grundsätzlich bis Juni 2027, die Europäische Kommission hat jedoch bestätigt, dass die derzeitigen Zuteilungen zunächst nur bis zum 31. Dezember 2026 festgelegt sind.
Japan kritisiert neue Quotenregelung
Auch Japan fordert eine Überarbeitung der neuen EU-Stahlquoten. Mehrere japanische Stahlverbände bezeichneten die Kürzung der zollfreien Importkontingente in einer gemeinsamen Erklärung vom 1. Juli als unangemessen und bedauerlich.
Japan verfügt künftig über länderspezifische Kontingente von knapp 798.000 Tonnen pro Jahr. Damit liegt das Volumen deutlich unter den durchschnittlichen Stahlexporten des Landes in die EU, die im Zeitraum 2022 bis 2024 rund 1,5 Millionen Tonnen jährlich betrugen.
Mit Blick auf die für Anfang 2027 angekündigte Überprüfung der Quoten sowie die künftig stärkere Berücksichtigung der sogenannten "Melt-and-Pour"-Regeln bleibt die Unsicherheit auf dem europäischen Stahlmarkt nach Einschätzung vieler Marktteilnehmer hoch.
Quelle: MEPS International Ltd. / Foto: marketSTEEL