Studie: Große Stahlkonzerne verfehlen Dekarbonisierungsziele deutlich
von Hubert Hunscheidt
Die globale Stahlindustrie kommt bei der Dekarbonisierung langsamer voran als notwendig. Das zeigt die erstmals veröffentlichte „Corporate Scorecard“ der Organisation SteelWatch, die 18 große Stahlhersteller weltweit bewertet hat. Das Ergebnis fällt deutlich aus: Kein Unternehmen erreicht auch nur die Hälfte der möglichen Punktzahl – und keines gilt derzeit als ausreichend vorbereitet für eine Produktion mit nahezu null Emissionen.
Im Fokus der Analyse stehen zentrale Transformationsfaktoren wie die Reduktion von Kohleabhängigkeit, der Ausbau von grünem Eisen sowie der Einsatz erneuerbarer Energien. Trotz langfristiger Klimaziele vieler Unternehmen bleibt die Realität laut Studie ernüchternd: Kohlebasierten Hochofenrouten dominieren weiterhin die Produktion und sind für bis zu 90 Prozent der Emissionen im Sektor verantwortlich.
Große Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung
SteelWatch spricht von einer erheblichen „Transition Readiness Gap“ – also einer Lücke zwischen den formulierten Klimazielen und den tatsächlich eingeleiteten Maßnahmen. Besonders kritisch bewertet wird, dass der Ausbau klimafreundlicher Technologien bislang kaum skaliert. Im Durchschnitt erreichen die untersuchten Unternehmen im Bereich „grünes Eisen und erneuerbare Energien“ weniger als einen von 25 möglichen Punkten.
Zwar haben viele Hersteller Netto-Null-Ziele formuliert, doch fehlen laut Studie konkrete Investitionen und Umsetzungsstrategien in ausreichendem Umfang und Tempo.

Einzelne Vorreiter – aber auf niedrigem Niveau
Im Ranking liegen der schwedische Stahlhersteller SSAB sowie thyssenkrupp an der Spitze, erreichen jedoch lediglich 46,2 beziehungsweise 41,9 von 100 Punkten. Beide Unternehmen verfolgen Strategien zur Ablösung der Hochofenroute und planen den Einsatz von grünem Eisen. Dennoch besteht auch hier noch erheblicher Umsetzungsbedarf.
Am unteren Ende der Bewertungsskala finden sich unter anderem Hyundai Steel, Nippon Steel und HBIS. Sie weisen laut Analyse eine besonders hohe Abhängigkeit von kohlebasierten Produktionsprozessen auf und zeigen bislang nur begrenzte Fortschritte bei der Transformation.
Investitionen in Kohle bremsen Fortschritt
Ein zentrales Hindernis bleibt die weiterhin starke Ausrichtung vieler Unternehmen auf bestehende Hochofenstrukturen. Investitionen in bestehende Anlagen oder deren Verlängerung durch Modernisierung verzögern den Umstieg auf alternative Technologien.
Gleichzeitig zeigt die Studie aber auch erste positive Ansätze: So befinden sich aktuell nur wenige neue Hochöfen im Bau. Einige Unternehmen verfügen bereits über Kapazitäten zur Direktreduktion von Eisen (DRI), die perspektivisch auf klimafreundliche Verfahren umgestellt werden könnten.
Dekarbonisierung bleibt Schlüsselthema
Die Stahlindustrie verursacht rund zehn Prozent der globalen CO₂-Emissionen und gilt damit als zentraler Hebel für den Klimaschutz. Entsprechend groß ist der Druck auf die Branche, den Übergang zu emissionsarmen Produktionsverfahren zu beschleunigen.
Die Autoren der Studie betonen, dass Ankündigungen allein nicht ausreichen. Entscheidend seien konkrete Investitionen in den nächsten Jahren, um die Abhängigkeit von Kohle zu reduzieren und den Hochlauf klimafreundlicher Technologien voranzutreiben.
Fazit: Tempo der Transformation entscheidend
Die SteelWatch-Scorecard macht deutlich, dass die Branche zwar strategisch auf Dekarbonisierung ausgerichtet ist, die operative Umsetzung jedoch deutlich hinter den Anforderungen zurückbleibt. Für die kommenden Jahre wird entscheidend sein, ob es gelingt, Investitionen in grüne Technologien schneller zu skalieren – und damit die Grundlage für eine wettbewerbsfähige, klimaneutrale Stahlproduktion zu schaffen.
Quelle: Steel Watch / Foto: marketSTEEL