Studie: Europas „urbane Mine“ könnte Rohstoffversorgung der Stahlindustrie deutlich stärken

von Hubert Hunscheidt

Eine neue Studie des EU-Projekts FutuRaM („Future Availability of Secondary Raw Materials“) zeigt das enorme Potenzial von Recycling und Kreislaufwirtschaft für Europas Industrie – und insbesondere für die Stahl- und Metallbranche. Demnach könnten Europas Abfallströme bis 2050 jährlich zwischen 4,1 und 5,7 Millionen Tonnen kritischer Rohstoffe liefern und damit unter günstigen Bedingungen bis zu 56 Prozent des Primärrohstoffbedarfs ersetzen.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die sogenannte „urbane Mine“ Europas: ausrangierte Produkte, Industrieabfälle, Altbatterien, Elektroschrott, Bauabfälle, Schlacken, Aschen sowie stillgelegte Windkraftanlagen. Die Forschenden analysierten insgesamt 42 kritische Rohstoffe in sieben zentralen Abfallströmen.

Für die Stahlindustrie besonders relevant sind die erwarteten Zuwächse bei der Rückgewinnung von Nickel, Kupfer und Aluminium. Laut Studie könnte die Aluminium-Rückgewinnung bis 2050 von derzeit rund 0,9 Millionen Tonnen auf bis zu 3,5 Millionen Tonnen pro Jahr steigen. Bei Kupfer rechnen die Forschenden mit einem Anstieg auf bis zu 1,4 Millionen Tonnen jährlich. Die Nickel-Rückgewinnung könnte von aktuell etwa 4.000 Tonnen auf mehr als 170.000 Tonnen pro Jahr wachsen.

Auch industrielle Schlacken und Aschen wurden erstmals umfassend als strategische Sekundärrohstoffquellen bewertet. Damit rückt die Kreislaufwirtschaft zunehmend in den Fokus der europäischen Stahlindustrie, die unter hohem Dekarbonisierungs- und Rohstoffdruck steht.

Die Studie verweist zugleich auf Europas starke Abhängigkeit von globalen Lieferketten. Viele kritische Rohstoffe stammen derzeit überwiegend aus China, der Demokratischen Republik Kongo, Australien oder Südafrika. Recycling und die Nutzung sekundärer Rohstoffe gewinnen daher zunehmend geopolitische Bedeutung.

Darüber hinaus sieht FutuRaM erhebliche Klimavorteile. Durch die Rückgewinnung sekundärer Rohstoffe könnten bis 2050 jährlich zwischen 81 und 273 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente eingespart werden.

Die Forschenden betonen jedoch, dass Europa seine Sammel-, Sortier- und Recyclingstrukturen deutlich ausbauen müsse. Noch immer gingen große Mengen wertvoller Rohstoffe durch Exporte, unzureichende Erfassung oder ineffiziente Recyclingprozesse verloren.

Quelle: Futu RaM / Foto: marketSTEEL