Steigende Wirtschaftsleistung trotz schwieriger Rahmenbedingungen

von Hubert Hunscheidt

Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, war das Wachstum damit um 0,1 Prozentpunkte höher als in der Schnellmeldung vom 28. Oktober 2022 berichtet. Trotz schwieriger weltwirtschaftlicher Rahmenbedingungen mit anhaltender Corona-Pandemie, Lieferengpässen, weiter steigenden Preisen und dem Krieg in der Ukraine stieg die Wirtschaftsleistung wie bereits in den ersten beiden Quartalen des Jahres (+0,8 % und +0,1 %).

Privater Konsum und Ausrüstungsinvestitionen stützen die deutsche Wirtschaft

Die Wirtschaftsleistung wurde im 3. Quartal 2022 vor allem von den privaten Konsumausgaben getragen: Trotz weiterhin starker Preissteigerungen und der sich ausweitenden Energiekrise nutzten die Verbraucherinnen und Verbraucher auch im 3. Quartal 2022 die Aufhebung fast aller Corona-Beschränkungen, um zum Beispiel mehr zu reisen und auszugehen. Die privaten Konsumausgaben waren insgesamt 1,0 % höher als im 2. Quartal (preis-, saison- und kalenderbereinigt). Die Konsumausgaben des Staates blieben dagegen etwa auf dem Niveau des Vorquartals (0,0 %). Die Bauinvestitionen waren wie schon im 2. Quartal (preis-, saison- und kalenderbereinigt) im Minus (-1,4 %), während die Investitionen in Ausrüstungen – also vor allem in Maschinen, Geräte und Fahrzeuge – kräftig zulegten (+2,7 %).

Der Handel mit dem Ausland nahm insgesamt trotz der angespannten internationalen Situation zu. Dank eines weiterhin hohen Auftragsbestands und wieder besser funktionierender weltweiter Lieferketten wurden im 3. Quartal 2022 preis-, saison- und kalenderbereinigt 2,0 % mehr Waren und Dienstleistungen exportiert als im 2. Quartal 2022. Die Importe legten mit +2,4 % noch stärker zu als die Exporte.

Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe und in den meisten Dienstleistungsbereichen im Plus, im Baugewerbe im Minus

Die preis-, saison- und kalenderbereinigte Bruttowertschöpfung stieg im 3. Quartal 2022 um 1,4 %. Dazu trug unter anderem die überraschend positive Entwicklung im Verarbeitenden Gewerbe bei. Diese trotzte Produktionsrückgängen in den energieintensiven Branchen wie der Herstellung von chemischen Erzeugnissen sowie der Metallerzeugung und -bearbeitung, die besonders von den stark gestiegenen Energiepreisen betroffen waren. Durch gleichzeitige Produktionssteigerungen vor allem in der Automobilbranche und im Maschinenbau nahm die Wirtschaftsleistung im Verarbeitenden Gewerbe insgesamt um 0,9 % zum Vorquartal zu. In den meisten Dienstleistungsbereichen stieg die Wirtschaftsleistung gegenüber dem Vorquartal ebenfalls. Besonders dynamisch wuchs die Bruttowertschöpfung in den zusammengefassten Bereichen Handel, Verkehr, Gastgewerbe (+3,3 %), Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit (+4,5 %) und sonstige Dienstleister (+5,4 %). Im Baugewerbe sank die Bruttowertschöpfung im 3. Quartal 2022 im Vergleich zum Vorquartal preis-, saison- und kalenderbereinigt dagegen erneut kräftig um 4,2 %.

Bruttoinlandsprodukt erstmals über Vorkrisenniveau

Im Vorjahresvergleich war das BIP im 3. Quartal 2022 preisbereinigt 1,2 %, preis- und kalenderbereinigt 1,3 % höher als im 3. Quartal 2021. Im Vergleich zum 4. Quartal 2019, dem Quartal vor Beginn der Corona-Krise, lag das preis-, saison- und kalenderbereinigte BIP im 3. Quartal 2022 erstmals oberhalb des Vorkrisenniveaus (+0,3 %).

Gestiegene Nachfrage aus dem In- und Ausland gegenüber dem Vorjahr

Die inländische Nachfrage legte auch im Vorjahresvergleich trotz starker Preisanstiege und globaler Unsicherheiten weiter zu. Das gilt vor allem für die privaten Konsumausgaben, die preisbereinigt gegenüber dem 3. Quartal 2021 um 2,0 % stiegen. Ein Grund dafür war offenbar die Reiselust der Menschen: Die Ausgaben für Dienstleistungen in den Bereichen Beherbergung und Gaststätten sowie Verkehr legten im 3. Quartal 2022 kräftig zu. Für langlebige Güter wurde dagegen erneut weniger ausgegeben als vor einem Jahr. Ursache dafür dürfte die allgemeine Verunsicherung aufgrund der starken Preisanstiege gewesen sein. Die hohen Lebensmittelpreise sowie die gestiegene Nachfrage nach Gaststättenleistungen führten wohl zu niedrigeren preisbereinigten Konsumausgaben für Nahrungsmittel als im 3. Quartal 2021. Die Konsumausgaben des Staates verzeichneten einen Anstieg von 1,4 % im Vorjahresvergleich. Ursache sind weiterhin hohe Ausgaben für die zentrale Beschaffung von Impfstoffen des Bundes sowie höhere Ausgaben für Geflüchtete. Gedämpft wurde der Anstieg durch den Abbau verschiedener Corona-Maßnahmen. Hierunter fallen beispielsweise das Auslaufen der Zahlungen für freigehaltene Betten an Krankenhäuser sowie der Rückgang an durchgeführten Corona-Impfungen und Schnelltests.

Bei den Investitionen war das Bild gemischt: In Ausrüstungen wurde preisbereinigt deutlich mehr investiert als ein Jahr zuvor (+6,3 %). Hier scheint die Auftragslage trotz hoher Preise und Lieferengpässen weiter sehr gut zu sein, zudem stieg die Zahl der gewerblichen Pkw-Neuzulassungen kräftig. Bei den Bauinvestitionen führten dagegen hohe Baupreise, Fachkräftemangel und Lieferengpässe insbesondere im Ausbaugewerbe zu einem Rückgang von 2,6 % im Vergleich zum 3. Quartal 2021.

Der Handel mit dem Ausland nahm im Vergleich zum Vorjahr zu, obwohl sich die starken Preisanstiege im bisherigen Jahresverlauf fortsetzen: Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stiegen die Exportpreise nach dem VGR-Konzept um 13 %. Preisbereinigt konnten die Exporte im 3. Quartal 2022 dennoch um 4,9 % zulegen. Positive Impulse kamen unter anderem aus den Bereichen Kraftfahrzeugbau und elektronische Ausrüstungen. Importseitig stiegen die Preise im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 20,8 %. Hier schlugen sich die deutlichen Preisanstiege im Bereich Energie nieder. Nichtsdestotrotz legten die preisbereinigten Importe gegenüber dem 3. Quartal 2021 um 8,3 % zu, was unter anderem auf deutliche Zuwächse im Reiseverkehr zurückzuführen ist.

Dienstleistungsbereiche steigern ihre Wirtschaftsleistung im Vorjahresvergleich, Baugewerbe deutlich im Minus

Insgesamt lag die preisbereinigte Bruttowertschöpfung im 3. Quartal 2022 um 1,4 % über dem Niveau des 3. Quartals 2021.

Zu diesem Anstieg trugen fast alle Wirtschaftsbereiche bei. Der Wirtschaftsbereich Handel, Verkehr und Gastgewerbe konnte mit +2,7 % deutlich zum Vorjahresquartal zulegen. Verantwortlich hierfür waren unter anderem Nachholeffekte im Zuge der gelockerten Corona-Maßnahmen, die sich in steigender Nachfrage im Bereich der Personenbeförderung sowie im Gastgewerbe widerspiegelten. Hohe Zunahmen gegenüber dem Vorjahr verzeichneten auch die meisten anderen Dienstleistungsbereiche, unter anderem der Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit mit +3,0 %. Das Verarbeitende Gewerbe wuchs mit +1,1 % etwas unter dem Durchschnitt.

Das Baugewerbe war erneut deutlich im Minus, die preisbereinigte Bruttowertschöpfung sank hier um 5,4 % zum Vorjahr. Dazu trugen die anhaltende Materialknappheit, aber auch der Fachkräftemangel bei.

Erwerbstätigenzahl mit neuem Höchststand

Die Wirtschaftsleistung wurde im 3. Quartal 2022 von rund 45,6 Millionen Erwerbstätigen mit Arbeitsort in Deutschland erbracht. Das waren 490 000 Personen oder 1,1 % mehr als ein Jahr zuvor und ein erneuter Höchststand (siehe Pressemitteilung Nr. 484/22 vom 17. November 2022).

Im Durchschnitt je Erwerbstätigen wurden 1,1 % mehr Arbeitsstunden geleistet als im 3. Quartal 2021, was vor allem mit einem Rückgang der Kurzarbeit zusammenhängt. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen – also die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden aller Erwerbstätigen – nahm dadurch kräftig um 2,2 % zu. Das ergaben erste vorläufige Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit.

Die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität – gemessen als preisbereinigtes BIP je Erwerbstätigenstunde – nahm nach vorläufigen Berechnungen gegenüber dem Vorjahresquartal um 1,0 % ab. Je Erwerbstätigen war sie um 0,1 % höher.

Einkommen und Konsum steigen kräftig, Sparquote im Vorjahresvergleich rückläufig

In jeweiligen Preisen gerechnet war sowohl das BIP als auch das Bruttonationaleinkommen im 3. Quartal 2022 um 5,8 % höher als ein Jahr zuvor. Das Volkseinkommen war um 4,0 % höher als im 3. Quartal 2021. Dabei stieg nach ersten vorläufigen Berechnungen das Arbeitnehmerentgelt um 4,6 % und damit etwas stärker als die Unternehmens- und Vermögenseinkommen (+2,4 %). Nach ersten vorläufigen Berechnungen verzeichneten die durchschnittlichen Bruttolöhne und -gehälter im 3. Quartal 2022 ein Plus von 3,7 % gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. Neben tariflich vereinbarten Lohnsteigerungen ist dieser Zuwachs vor allem auf den starken Rückgang der Kurzarbeit zurückzuführen. Die Bruttolöhne und -gehälter insgesamt waren um 5,0 % höher als im Jahr zuvor, da sich auch die Zahl der Arbeitnehmer erhöhte. Auch aufgrund der dämpfenden Wirkung des Steuerentlastungsgesetzes 2022 sind die Nettolöhne und -gehälter mit +5,2 % etwas stärker gestiegen als die Bruttolöhne und -gehälter.

Mit 9,6 % lag die Sparquote auch im 3. Quartal 2022 unter dem Vorjahreswert (10,4 %). Maßgeblich hierfür war die vor allem auf die starken Preiserhöhungen zurückzuführende kräftige Zunahme der privaten Konsumausgaben in jeweiligen Preisen. Diese legten im Vorjahresvergleich um 9,4 % zu und damit stärker als das verfügbare Einkommen, das sich um 8,6 % erhöhte. Ohne die Energiepauschale wäre dieser Anstieg rund 2 Prozentpunkte geringer ausgefallen.

Die deutsche Wirtschaft im internationalen Vergleich

Im Durchschnitt hat die Wirtschaft der Europäischen Union (EU) und des Euroraums im 3. Quartal 2022 etwas schwächer zugelegt als in Deutschland: Für die EU insgesamt und den Euroraum meldete das europäische Statistikamt Eurostat nach vorläufigen Berechnungen einen preis-, saison- und kalenderbereinigten BIP-Anstieg um 0,2 % gegenüber dem Vorquartal. In Spanien und Frankreich stieg das BIP ebenfalls um 0,2 %. In Italien wuchs die Wirtschaft mit +0,5 % etwas stärker. In ähnlichem Ausmaß nahm die Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten (USA) zu (+0,6 %). Einige kleinere EU- und Nachbarstaaten Deutschlands verzeichneten hingegen Rückgänge (Niederlande, Belgien, Österreich, Tschechien). Im Vorjahresvergleich liegen die BIP-Wachstumsraten der anderen EU-Mitgliedstaaten fast alle höher als in Deutschland.

Verglichen mit dem 4. Quartal 2019, dem Quartal vor Beginn der Corona-Pandemie, zeigt sich, dass das BIP in Deutschland im 3. Quartal 2022 erstmals das Vorkrisenniveau übertraf (+0,3 %). Während die EU insgesamt (+2,7 %), Frankreich (+1,1 %) und Italien (+1,8 %) ebenso wie die Vereinigten Staaten (+4,2 %) ihr Vorkrisenniveau schon länger übertreffen, lag die Wirtschaftsleistung in Spanien (‑2,0 %) weiterhin deutlich darunter.

Quelle: Statistisches Bundesamt / Foto: marketSTEEL

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