Autor: von Alexander Kirschbaum

09.03.2016

Roland Berger-Studie: Stahlindustrie unter Druck

In der neuen Studie "Weathering the steel crisis" analysieren die Experten der Unternehmensberatung Roland Berger die Lage in der weltweiten Stahlindustrie. Demnach ist das Wachstum des weltweiten Stahlmarktes nach einer kurzen optimistischen Phase in den Jahren 2013 und 2014 erneut ins Stocken geraten. So erreichte die Stahlnachfrage in China 2013 ihren Höhepunkt und ist im Jahr 2014 um 3,3 Prozent gesunken und wird voraussichtlich bis 2020 weiter zurückgehen. In anderen Regionen stagniert die Nachfrage oder wächst nur schwach.

Das Wachstum wird den Branchenexperten zufolge auch in den kommenden Jahren nicht stark genug sein, um die bestehenden globalen Produktionskapazitäten auszulasten. Die Folgen: erhebliche Überkapazitäten, ein deutlicher Preisverfall um über 50 Prozent seit 2010 und ein verschärfter Wettbewerb in der Stahlindustrie. Dies sind die zentralen Ergebnisse der aktuellen Studie.

"Das Ausmaß und die Dauer der Krise in der Stahlindustrie werden vermutlich zu neuen Umstrukturierungen sowie zu einer Zunahme der Fusions- und Übernahmeaktivität führen", so Kai-Stefan Schober, Partner von Roland Berger. "Doch die Branche kämpft nicht nur mit den üblichen Herausforderungen wie konjunkturell bedingte Nachfrageschwankungen und bestehenden Produktionsüberkapazitäten. Die Krise reicht weiter."

Industrie 4.0 ändert Produktionsbedingungen

So sorgt die Digitalisierung der Industrieprozesse für eine veränderte Produktionslandschaft bei den Kunden der Stahlindustrie: On-Demand-Produktion und verstärkte Individualisierung von Produkten verkürzen die Marktzyklen; die Nachfrage nach Stahl wird immer volatiler. Und auch beim Stahlhandel sind der Studie zufolge neue Zeiten angebrochen: "Heute können Sie mittlerweile Stahlprodukte über Online-Plattformen kaufen", sagt Schober. "Damit sind bestehende Kundenbeziehungen in Gefahr. Hierauf sollten Hersteller und Händler mit neuen Strategien reagieren."

Frühzeitige Anpassung des Geschäftsmodells ist entscheidend

Eine Marktkonsolidierung wird laut den Unternehmensberatern nicht reichen, damit sich die Branche von der Krise erholen kann. Die Roland Berger-Experten präsentieren in ihrer Studie eine Reihe von Maßnahmen, die Stahlunternehmen ergreifen sollten, um die Krise zu überstehen und sogar gestärkt daraus hervorzugehen.

Dazu gehört unter anderem eine stärkere Orientierung am Kundennutzen durch individuelle Lösungen, Produkte und Dienstleistungen mit speziellem Mehrwert oder eine Spezialisierung des Angebots. Stahlherstellern empfehlen die Branchenexperten eine Optimierung ihrer Produktion und Lieferketten, um flexibler zu sein und schneller auf Nachfrageschwankungen oder Kundenwünsche zu reagieren.

Auch eine stärkere regionale Fokussierung statt globaler Präsenz kann zum Teil sinnvoll sein. "Jahrzehntelang ging es vor allem um Größe, um global mithalten zu können", sagt Schober. "In Zukunft wird es dagegen wichtiger sein, die richtige Balance zwischen Produktportfolio, Geschäftsbereichen, geografischer Reichweite und der Reaktionsfähigkeit der Lieferkette zu haben."

Quelle: Roland Berger Vorschau-Foto: Fotolia