Regulierung, Volatilität und Dekarbonisierung verändern Beschaffungsstrategien im Stahleinkauf

von Hubert Hunscheidt

Der europäische Stahleinkauf steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Im Rahmen der BME-Masterclass „Einkauf von Stahl und anderen metallischen Werkstoffen“ berichteten Teilnehmende aus Industrie und Handel von einer Marktsituation, die durch volatile Preise, geopolitische Verschiebungen und wachsende regulatorische Anforderungen geprägt ist. Die Fähigkeit, Marktsignale schnell zu interpretieren und strategisch umzusetzen, wird damit zu einer zentralen Kompetenz der Beschaffung.

Analysen für das Jahr 2026 zeichnen ein widersprüchliches Bild aus kurzfristiger Unsicherheit und mittelfristiger Stabilisierung. Gleichzeitig verändert sich der globale Stahlhandel spürbar. Für europäische Einkäufer rückt daher die Resilienz der Lieferketten stärker in den Fokus als reine Kostenvorteile, während Lieferantennetzwerke zunehmend mehrere Szenarien abdecken müssen.

Besonders prägend sind neue regulatorische Eingriffe der EU. Instrumente wie CBAM, Safeguard-Regelungen und Emissionshandelssysteme sollen die Industrie schützen, führen jedoch zugleich zu steigender Komplexität in Preisbildung, Planung und Lieferentscheidungen. Importierter Stahl wird künftig mit CO₂-Kosten belastet, während geplante Anpassungen der Schutzmaßnahmen ab Mitte 2026 deutlich reduzierte zollfreie Kontingente und höhere Strafzölle vorsehen. Marktbeobachter sehen darin einen möglichen Wendepunkt für die europäische Stahlbeschaffung.

Parallel gewinnt die Dekarbonisierung an Gewicht. Elektrisch basierte Produktionsrouten senken Emissionen deutlich, während Investitionen in Wasserstoff-DRI, CCUS und Recycling voranschreiten. Damit verschieben sich auch Qualitätsanforderungen: Neben klassischen Werkstoffnormen rücken CO₂-Fußabdruck, Herkunftsnachweise und digitale Zertifikatsketten in den Mittelpunkt. Die Nachfrage nach grünem Warmband wächst, auch wenn viele Einkäufer bislang nur begrenzte Aufpreise akzeptieren.

Die Diskussionen der Masterclass zeigen insgesamt ein neues Anforderungsprofil für den Stahleinkauf. Gefragt sind datengetriebene Entscheidungen, regulatorische Kompetenz und strategisches Lieferkettenmanagement. Unternehmen, die diese Faktoren aktiv steuern, können trotz eines unsicheren Marktumfelds stabile und zukunftsfähige Beschaffungsstrukturen aufbauen.

Quelle: Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. / Foto: marketSTEEL