Offshore-Windkraft in der Krise: Stahlbauer fürchten Auftragslücke ab 2028
von Hubert Hunscheidt
Der stockende Ausbau der Offshore-Windenergie in Deutschland bereitet der heimischen Zulieferindustrie zunehmend Sorgen. Nach Angaben des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO) könnten bis zu 23.000 Arbeitsplätze gefährdet sein – fast die Hälfte der rund 49.000 Beschäftigten, die der Branche zugerechnet werden. Betroffen sind auch Unternehmen der Stahlverarbeitung, die Fundamente und andere Komponenten für Windparks auf See herstellen.
Ein Beispiel ist Steelwind Nordenham. Das Unternehmen fertigt große Stahlfundamente für Offshore-Windenergieanlagen und verfügt nach eigenen Angaben noch bis Ende 2027 über eine gute Auftragslage. Danach zeichnet sich jedoch eine deutliche Lücke ab. „Derzeit bauen wir noch viel für Großbritannien, aber ab 2028 haben wir eine richtige Delle im Markt“, erklärte der kaufmännische Geschäftsführer Korbinian Ott gegenüber dem NDR.
Steigende Kosten und gescheiterte Ausschreibungen
Ursache der angespannten Situation sind vor allem die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für neue Offshore-Windparks. Zuletzt blieben Ausschreibungen für Flächen in der Nordsee ohne Gebote. Gleichzeitig steht die Realisierung bereits vergebener Projekte infrage.
Noch 2023 hatten Energiekonzerne wie BP und TotalEnergies für hohe Summen Nutzungsrechte an Offshore-Flächen erworben. Inzwischen haben steigende Kosten für Stahl und andere Rohstoffe sowie höhere Finanzierungskosten die Wirtschaftlichkeit der Projekte verschlechtert. Nach Einschätzung des Kiel Instituts für Weltwirtschaft erschweren zudem die bestehenden Vergaberegeln eine Anpassung an die veränderten Marktbedingungen. Eine geregelte Rückgabe bereits ersteigerter Flächen ist bislang nicht vorgesehen.
Offshore-Industrie fordert andere Förderbedingungen
Der BWO fordert deshalb eine Überarbeitung des Windenergie-auf-See-Gesetzes. Insbesondere sogenannte Contracts for Difference (CfD) sollen Investoren mehr Planungssicherheit bieten. Bei diesem Modell wird ein Referenzpreis für den erzeugten Strom vereinbart. Liegt der Marktpreis darunter, erhält der Betreiber einen Ausgleich. Bei höheren Marktpreisen fließen entsprechende Mehrerlöse zurück.
BWO-Vorstandsvorsitzender Benedikt Scheel warnt davor, dass andere europäische Länder für Offshore-Investitionen bereits attraktivere Bedingungen bieten. Die bisherigen deutschen Ausschreibungsregeln seien nicht geeignet, die notwendigen Milliardeninvestitionen ausreichend abzusichern.
Auch Siemens Energy sieht die industrielle Basis der Offshore-Windenergie in Gefahr. Das Unternehmen produziert über seine Tochter Siemens Gamesa in Cuxhaven Windturbinen für den Einsatz auf See. Tim Proll-Gerwe von Siemens Energy mahnt, Deutschland dürfe die Fehler aus dem Niedergang seiner Solarindustrie nicht wiederholen.
Für Stahlverarbeiter wie Steelwind Nordenham drängt die Zeit. Zwar laufen bestehende Aufträge noch bis Ende 2027, doch ohne neue Windparkprojekte droht anschließend eine Unterauslastung der Fertigungskapazitäten. Geschäftsführer Ott sieht weiterhin Handlungsspielraum, fordert aber schnelle politische Entscheidungen.
Quelle: NDR / Foto: Andrea Damm pixelio.de