Autor: von Alfons Woelfing

07.11.2018

Metallgewebe umhüllt Tor zur Zukunft

Neues Trainingszentrum für Biomedizin an der RWTH Aachen

Mit 16 Forschungsclustern entsteht auf dem 2009 ins Leben gerufenen Campus der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen eine der größten technologieorientierten Forschungslandschaften Europas. Weithin sichtbares Erkennungszeichen des Clusters Biomedizintechnik ist das neue Lehr- und Weiterbildungsgebäude (LWG) der Medizinischen Fakultät. SOP Architekten aus Düsseldorf konzipierten den Bau als lichtdurchfluteten Solitär, der durch seine Form und exponierte Lage zum Tor zur Zukunft wird. Zwei der Fassaden sind mit 1.900 Quadratmetern Metallgewebe vom Typ OMEGA 1520 der GKD – Gebr. Kufferath AG bekleidet.
 
Die Technische Hochschule Aachen ist als Eliteuniversität eine der Vorzeigehochschulen des Landes. Rund 44.500 Studierende, 550 Professoren und fast zehnmal so viele wissenschaftliche Mitarbeiter festigen den Ruf der RWTH als eine der – vor allem in technischen und medizinischen Studiengängen – international renommierten Universitäten. 1870 gegründet, sind die Hochschulgelände in der Stadt verteilt. Der mit dem historischen Hauptgebäude, dem markanten Begegnungszentrum Super C und der Hauptmensa bislang größte Campus – der Campus Mitte – reicht von der Innenstadt im Schatten von Dom und Rathaus bis zum Westbahnhof. Mit einer beispiellosen Exzellenzinitiative baut die RWTH Aachen seit 2009 ihren Ruf als eine der weltweit führenden technischen Universitäten aus. Auf einer Fläche von 800.000 Quadratmetern, dem Campus Melaten und dem Campus West, entstehen seitdem in Aachen in schneller Abfolge Hochschul- und Forschungsgebäude sowie von privatwirtschaftlichen Investoren finanzierte Wissenschaftsimmobilien. 16 Cluster sollen hier sukzessive angesiedelt werden, um Zukunftsfragen zu beantworten, die sich aus den Herausforderungen der Megatrends ergeben. Sechs dieser zukunftsorientierten Zusammenschlüsse von Unternehmen und Forschungseinrichtungen sind bereits in der Umsetzung. Zu ihnen zählt das Cluster Biomedizintechnik in unmittelbarer Nähe des Universitätsklinikums Aachens. Es besteht aus fünf Centern, die sich jeweils einem Spezialbereich widmen. In diesen operativen Einheiten arbeiten Wissenschaftler der Fakultäten für Medizin, Maschinenwesen, Elektrotechnik, Mathematik und Naturwissenschaften gemeinsam mit Experten aus der Industrie an Methoden und Produkten, die Diagnose und Therapie revolutionieren sollen.
 
Optisch nahtlose Haut
 
Als drittes dieser Center und erstes Investorengebäude ist das Lehr- und Weiterbildungsgebäude der Medizinischen Fakultät ein weiterer Meilenstein im Cluster Biomedizintechnik. Durch die Verzahnung von Theorie und klinischer Praxis schafft dieses für 19,5 Millionen Euro errichtete Trainingszentrum hochmoderne Ausbildungsmöglichkeiten für Studierende der Fachrichtungen Medizin, Zahnmedizin sowie Biomedical Engineering. Neue Maßstäbe setzt es zudem in der Weiterbildung von Ärzten und medizinischem Personal sowie bei der Erprobung medizinischer Geräte. Dieser Funktion als Leuchtturmprojekt sollte das LWG auch in seiner architektonischen Gestaltung gerecht werden. In einem europaweiten Investorenauswahlverfahren setzten sich A. Frauenrath BauConcept GmbH und SOP Architekten mit ihrem markanten Entwurf durch. Sie gestalteten auf dem leicht abschüssigen Gelände einen Kubus, der durch seine vollverglasten Kopffassaden wie ein umgedrehtes U aussieht und damit wie ein gigantisches Tor zum dahinterliegenden Campus wirkt.
 
Unterstrichen wird dieser Eindruck durch den auskragenden Sichtbeton der Seitenwände, der die Stirnfassade umrahmt. Die von Fensterbändern durchzogenen seitlichen Fassaden werden von einer schimmernden Haut aus Metallgewebe überspannt, die eine optisch nahtlose Flächigkeit erzeugt. Gleichzeitig bleiben durch die Gewebetransparenz die dahinterliegenden Räume erkennbar. Gestaltet wird diese Hülle aus zwölf Paneelen des Edelstahlgewebes vom Typ OMEGA 1520 – jede von ihnen 29,5 Meter lang und 5,4 Meter breit. Für die Wahl der gewebten Membran sprachen gleich mehrere Gründe: Die metallische Haut unterstreicht den Hightech-Anspruch des Gebäudes und gibt der Biomedizintechnik ein ebenso zeit- wie bedeutungsgemäßes Gesicht. Im Zusammenspiel mit den Glasfassaden lässt sie Innen- und Außenraum miteinander kommunizieren. Die Art der Befestigung entspricht dem gestalterischen Purismus. Das Edelstahlgewebe wird an Ober- und Unterkante nach dem patentierten Fusiomesh NG System zwischen zwei Flachprofilen in einen Spezialkleber gebettet und damit verbunden. Spanngabeln sorgen dafür, dass das Gewebe perfekt ausgerichtet werden kann und mit der statisch erforderlichen Vorspannung den zu erwartenden Wind- und Anpralllasten widersteht. Die Paneele sind unten sichtbar an einem durchlaufenden Stahlprofil befestigt. An der Oberkante des Gebäudes wird das Gewebe dagegen nach hinten umgelenkt, sodass dort nur eine feine Gewebekante in Erscheinung tritt. Um bei einer Fassadenhöhe von 29,5 Metern die Horizontalbewegung und die Auflagerkräfte zu reduzieren, verlaufen horizontal hinter dem Gewebe sieben Edelstahlrohre als Zwischenbefestigungsebenen, an denen das Gewebe von außen unsichtbar mit Drahtbügeln fixiert ist. GKD hat bei diesem Projekt nicht nur das Gewebe hergestellt und konfektioniert, sondern auch die Montage übernommen.
 
Effizienter Beitrag zur Nachhaltigkeit
 
Neben der besonderen Ästhetik der Metallmembran waren für ihren Einsatz vor allem funktionale Eigenschaften ausschlaggebend. So dient die Edelstahlhülle als effizienter Sonnenschutz, der die Oberflächentemperatur der Fassade reduziert und den Sonneneintrag in die dahinterliegenden Labor-, Büro- und Seminarräume vermindert. Dennoch gewährleistet die offene Gewebestruktur ungehinderten Tageslichteinfall und freie Aussicht. So trägt sie nicht nur zur Verbesserung der Energiebilanz des Gebäudes bei, sondern steigert auch den Aufenthaltskomfort und damit die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter. Da Edelstahl am Ende der Nutzung vollständig recycelt werden kann, unterstützt die Membran auch das anspruchsvolle Nachhaltigkeitskonzept des Neubaus. Die bereits von außen sichtbare Offenheit und Interaktion wird durch das ausgeschnittene, lichtdurchflutete Atrium im Inneren des Gebäudes konsequent fortgeführt. Zahlreiche Brücken und breite Galerien erlauben vielfältige Blickbeziehungen mit allen Geschossen. Das Leitmotiv der Kommunikation und interdisziplinären Zusammenarbeit wird so im ganzen Gebäude erlebbar. Weitere Highlights sind ein 400 Personen fassender Multifunktionssaal sowie ein mit modernster Technologie ausgestatteter Demonstrations-Operationssaal. Bei Bedarf können beide Funktionsräume mit dem Foyer im Untergeschoss zu einem durchgängigen Veranstaltungsbereich verbunden und beispielsweise für Symposien genutzt werden. Bei voller Betriebsauslastung fasst das Gebäude bis zu 1.200 Personen. Sein schimmerndes Kleid aus Edelstahlgewebe weist schon von weitem den Weg zum Tor in die Zukunft.
 
Quelle und Fotos: GKD – GEBR. KUFFERATH AG
 
Bildtext (Vorschaufoto): SOP Architekten gestalteten einen Kubus, der durch seine vollverglasten Kopffassaden wie ein gigantisches Tor zum Campus wirkt.
 
Bildtext (Beitragsfoto): Die Edelstahlhülle von GKD dient als effizienter Sonnenschutz,der die Oberflächentemperatur der Fassade reduziert.