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Konjunktur: RWI senkt Wachstumsprognose – Iran-Krieg treibt die Inflation

12. März 2026 von Hubert Hunscheidt

Das RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung hat seine Konjunkturprognose für Deutschland gesenkt. Die Wirtschaftsforscher erwarten für 2026 ein BIP-Wachstum von 0,9 Prozent und für 2027 von 1,2 Prozent. Gegenüber der Dezember-Prognose bedeutet dies eine Korrektur um 0,1 beziehungsweise 0,2 Prozentpunkte nach unten. Verantwortlich dafür ist der anhaltende Iran-Konflikt. Stark steigende Energiepreise machen in der Industrie nicht nur Vorprodukte und die Produktion teurer. Auch die Verbraucher geben mehr für Benzin, Diesel oder Gas aus – Geld, das an anderer Stelle fehlt.

Rückblickend auf das Jahr 2025 ist die deutsche Wirtschaft im vierten Quartal überraschend deutlich um 0,3 Prozent gewachsen. Treiber waren vor allem die staatlichen Ausgaben. So stiegen die öffentlichen Ausrüstungsinvestitionen um 38 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Auch der private Konsum expandierte kräftig, obwohl die Erwerbstätigkeit zurückging.

Energiepreise verteuern sich drastisch

Der Iran-Krieg hat die Ausgangslage für das laufende Jahr grundlegend verändert. Seit dem 28. Februar greifen die USA und Israel iranische Ziele an. Der Iran reagierte unter anderem mit der faktischen Blockade der Straße von Hormus, durch die etwa 20 Prozent der weltweiten Öl- und Gaslieferungen transportiert werden. Die Rohstoffmärkte reagierten prompt: Ölpreise stiegen zwischenzeitlich auf 108 Dollar je Barrel, Gasnotierungen verdoppelten sich auf über 50 Euro je Kilowattstunde. Deutsche Kraftstoffpreise verteuerten sich um bis zu 17 Prozent.

Die Energieverteuerung erfasst mit Verzögerung andere Branchen. Besonders energieintensive Industrien leiden unter den Gaspreisen. Nahrungsmittel und Transportkosten dürften in den kommenden Monaten deutlich teurer werden.

Inflation steigt auf 2,6 Prozent

Die Verbraucherpreise lagen im Februar bei 1,9 Prozent. Für das Gesamtjahr 2026 prognostizieren die RWI-Ökonomen nun eine Inflationsrate von 2,6 Prozent, für das Jahr 2027 von 2,4 Prozent. Den Höchststand erwartet das Institut in den Sommermonaten dieses Jahres.

Dämpfend wirkt die moderate Lohnentwicklung. Neue Tarifabschlüsse sehen niedrigere Steigerungen vor als in den Vorjahren. Die Tariflöhne steigen im Jahr 2026 um 2,7 Prozent und im nächsten Jahr um 2,9 Prozent. Die Effektivlöhne, die im Jahr 2025 noch um 4,5 Prozent zugelegt hatten, dürften im laufenden Jahr um 3,0 Prozent und im kommenden Jahr um 3,1 Prozent steigen.

Staatsausgaben stützen Konjunktur

Trotz des Energiepreisschocks setzt sich die konjunkturelle Belebung in Deutschland fort. Die zentrale Kraft hinter der Belebung sind öffentliche Investitionen. Die Sonderschulden für Investitionen und Klimaschutz entfalten ihre Wirkung. In diesem und nächsten Jahr fließen jeweils 10 Milliarden Euro in die Wirtschaft. Die Verteidigungsausgaben steigen um weitere 7 Milliarden Euro jährlich.

Private Investitionen bleiben hingegen schwach. Viele Unternehmen haben freie Kapazitäten, sind also nicht ausgelastet. Verschärft wird das Problem durch schwächelnde Exportmärkte: Die internationale Nachfrage nach deutschen Waren geht zurück. Besonders die Handelskonflikte mit den USA setzen der deutschen Exportindustrie zu. Hinzu kommt die nachlassende Wettbewerbsfähigkeit – ein strukturelles Problem, das deutsche Unternehmen schon seit Längerem plagt.

Staatsdefizit steigt auf 4,4 Prozent

Die expansive Fiskalpolitik schlägt sich in den öffentlichen Finanzen nieder. Das Finanzierungsdefizit steigt von 119 Milliarden Euro (2025) auf 186 Milliarden Euro (2026) und 213 Milliarden Euro (2027). Die Defizitquote erreicht im Jahr 2027 4,4 Prozent des BIP. Neben höheren Investitionen treiben Subventionen und Verteidigungsausgaben die Staatsausgaben.

Die Arbeitslosenquote verharrt 2026 bei 6,3 Prozent und sinkt 2027 auf 6,0 Prozent. Eine Trendwende am Arbeitsmarkt erwarten die Forscher im zweiten Halbjahr 2026.

Unternehmen reduzieren flexible Arbeitsmodelle wieder

Eine Sonderauswertung der RWI-Forscher von 14,2 Millionen Online-Stellenanzeigen zeigt, dass Teilzeit- und Home-Office-Angebote seit dem Jahr 2023 wieder zurückgehen. Home-Office-Angebote haben im Jahr 2025 wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht. Je nach Branche bieten nur noch 5 bis 15 Prozent aller Stellenanzeigen die Möglichkeit zum Arbeiten von zuhause. Auch Teilzeitangebote sind rückläufig – und das trotz Fachkräftemangels. Offenbar erachten viele Unternehmen das während der Pandemie entstandene Ausmaß flexibler Arbeitsmodelle als zu hoch. Die Marktkräfte regeln das Ausmaß an flexiblen Arbeitszeitmodellen recht effektiv. Gesetzliche Regelungen, die auf eine Begrenzung der Teilzeitmöglichkeiten abstellen – wie jüngst unter der Überschrift “Lifestyle-Teilzeit” in die politische Debatte diskutiert –, scheinen auf Basis dieser Sonderauswertung überflüssig.

Prognose mit hohen Risiken

Die Konjunkturprognose ist aufgrund des ungewissen Kriegsverlaufs von erheblichen Unsicherheiten geprägt. So würden längere Lieferunterbrechungen die Energiepreise weiter nach oben treiben. Stiege der Gaspreis auf 90 Euro je Kilowattstunde, würde die Inflation um zusätzliche 0,4 Prozentpunkte zulegen und das BIP-Wachstum um 0,4 Prozentpunkte verringern.

Wichtig bleibt zudem, wie schnell die Mittel aus dem Sondervermögen tatsächlich fließen. Genehmigungsverfahren verlängern sich tendenziell bei steigender Projektzahl, wodurch sich die erhofften Wachstumsimpulse schwächen oder zeitlich nach hinten verlagert würden.

„Der Iran-Krieg zeigt, wie verwundbar die deutsche Wirtschaft durch Energieabhängigkeiten nach wie vor ist“, warnt RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt. „Ohne die staatlichen Impulse würde die Erholung in diesem Jahr deutlich schwächer ausfallen. Doch der Preis für das insgesamt bescheidene Wachstum ist sehr hoch. Die explodierenden Staatsdefizite laufen aus dem Ruder. Und dass die öffentlichen Impulse in einen sich selbst tragenden Aufschwung übergehen, ist nicht zu beobachten. Deshalb ist das Staatswachstum, was uns in diesem Jahr voraussichtlich über Wasser hält, auf Dauer keine Lösung. Es bleibt nur der Weg struktureller Reformen. Sind sie klug orchestriert und gelingt es der Politik, eine Belastungssolidarität herzustellen, die Zumutungen auf alle Bevölkerungsgruppen gerecht verteilt, dürften Widerstände gegen umfassende Reformen viel leichter zu überwinden sein als gemeinhin angenommen.“

Quelle: RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung e.V. / Foto: Fotolia



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