Klimaneutralität bis 2045: Sechs Billionen Euro Investitionen erforderlich
von Hubert Hunscheidt
Sechs Billionen Euro – eine Zahl, die sich kaum vorstellen lässt. Zum Vergleich: Der gesamte Bundeshaushalt 2026 umfasst rund 525 Milliarden Euro. Die von der KfW ermittelten Investitionen für Deutschlands Klimaneutralität bis 2045 entsprechen damit mehr als elf Bundeshaushalten. Jährlich müssten Unternehmen, Staat und private Haushalte zusammen rund 290 Milliarden Euro aufbringen. Das entspricht etwa 55 Prozent des diesjährigen Bundeshaushalts.
Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos im Auftrag der KfW, die vier Wochen vor der UN-Weltklimakonferenz COP31 vorgestellt wurde. Den größten Investitionsbedarf sieht die Studie im Verkehr mit 45 Prozent, gefolgt von Energieversorgung (25 Prozent), Gebäuden (22 Prozent) und Industrie (acht Prozent).
Stahlindustrie vor kostspieligem Umbau
Auf die Industrie entfallen damit rechnerisch rund 480 Milliarden Euro bis 2045 beziehungsweise etwa 23 Milliarden Euro jährlich. Im Mittelpunkt stehen die Umstellung energieintensiver Produktionsprozesse, die Elektrifizierung der Prozesswärme und der Einsatz klimafreundlicher Technologien.
Für die Stahlindustrie bedeutet dies insbesondere den Umbau der klassischen Hochofenroute hin zu wasserstoffbasierten Verfahren. Neben Investitionen in neue Produktionsanlagen sind dafür eine leistungsfähige Energieinfrastruktur sowie eine ausreichende Versorgung mit wettbewerbsfähigem Strom und Wasserstoff erforderlich.
Besonders hoch fällt der Investitionsbedarf in der Energieversorgung aus. Rund 1,3 Billionen Euro müssen nach Berechnungen der Studie unter anderem in Stromnetze, Fernwärme und Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien fließen. Von diesen Investitionen hängt auch ab, unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen energieintensive Industrien künftig in Deutschland produzieren können.
Tatsächlicher Mehrbedarf deutlich geringer
Die sechs Billionen Euro bedeuten allerdings nicht, dass dieser Betrag ausschließlich zusätzlich für den Klimaschutz ausgegeben werden muss. Auch ohne den Umbau zur Klimaneutralität wären umfangreiche Investitionen in bestehende fossile Technologien notwendig.
Berücksichtigt man diese ohnehin anfallenden Ausgaben, beziffert die KfW den zusätzlichen Investitionsbedarf auf rund 65 Milliarden Euro jährlich. Das entspricht weniger als zwei Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts.
In den Jahren 2018 bis 2023 investierten Unternehmen, private Haushalte und die öffentliche Hand durchschnittlich rund 110 Milliarden Euro jährlich in den Klimaschutz. Um die angestrebten 290 Milliarden Euro zu erreichen, müsste das jährliche Investitionsvolumen somit um etwa 180 Milliarden Euro steigen.
Unternehmen müssen Großteil der Investitionen stemmen
Knapp die Hälfte des gesamten Investitionsbedarfs, rund drei Billionen Euro, entfällt auf private und öffentliche Unternehmen. Das entspricht etwa 140 Milliarden Euro jährlich. Großunternehmen und Mittelständler müssen dabei nach Einschätzung der Studie ähnlich hohe Investitionsvolumina bewältigen.
Im Jahr 2024 investierten Unternehmen rund 80 Milliarden Euro in Klimaschutzmaßnahmen. Um die Klimaziele zu erreichen, müssten diese Anstrengungen deutlich ausgeweitet werden.
Insgesamt sollen private Akteure jährlich rund 257 Milliarden Euro aufbringen. Auf die öffentliche Hand entfallen etwa 33 Milliarden Euro beziehungsweise knapp zwölf Prozent des gesamten Investitionsbedarfs.
KfW sieht wirtschaftliche Chancen
KfW-Vorstandschef Stefan Wintels bezeichnet die Transformation als „anspruchsvolle, aber machbare Herausforderung“. Die erforderlichen Investitionen seien zwar eine enorme Kraftanstrengung, könnten langfristig jedoch auch wirtschaftliche Vorteile bringen.
Deutschland ist nach Angaben der KfW bereits der zweitgrößte Exporteur von Klimaschutzgütern. Die wachsende Nachfrage nach entsprechenden Technologien eröffne deutschen Unternehmen zusätzliche Absatzmöglichkeiten.
Zugleich verweist die Förderbank auf die wirtschaftlichen Schäden des Klimawandels. Allein die durch Extremwetterereignisse verursachten Vermögensschäden in Deutschland werden für die vergangenen fünf Jahre auf mehr als 50 Milliarden Euro geschätzt.
Zur Finanzierung der Transformation setzt die KfW insbesondere auf die Mobilisierung privaten Kapitals. Gemeinsam mit der Bundesregierung soll der Deutschlandfonds zusätzliche Investitionen in Klimaschutzprojekte ermöglichen.
Quelle: KfW / Foto: marketSTEEL