IW Köln: Heimische Stahlproduktion für die Transformation sichern
von Hubert Hunscheidt
Deutschland sollte seine heimischen Stahlkapazitäten während des Übergangs zur klimaneutralen Produktion erhalten. Dafür plädiert das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln). Die Transformation müsse politisch so flankiert werden, dass bestehende Anlagen nicht schließen, bevor wettbewerbsfähige klimafreundliche Produktionsverfahren zur Verfügung stehen.
Die Stahlindustrie steht nach Einschätzung des IW exemplarisch für die schwierige Lage energieintensiver Branchen. Schwache Nachfrage, weltweite Überkapazitäten, hohe Energie- und CO₂-Kosten sowie handelspolitische Verzerrungen treffen auf den gleichzeitig notwendigen Umbau der Produktion. Erschwert werde dieser durch fehlende Infrastruktur, hohe Investitionskosten sowie bislang unsichere Geschäftsmodelle für Wasserstoff und andere klimafreundliche Technologien.
Stahl als Teil industrieller Wertschöpfungsketten
Gegen eine isolierte Betrachtung der reinen Produktionskosten spricht aus Sicht des IW die enge Verflechtung der Stahlindustrie mit anderen deutschen Industriezweigen. Die Roheisen- und Stahlherstellung erzeugte 2023 Vorleistungen im Wert von mehr als 80 Milliarden Euro. Neben der Stahlveredelung gehören insbesondere Metallverarbeitung, Automobil- und Maschinenbau zu den Abnehmern.
Diese räumlich und wirtschaftlich eng verbundenen Wertschöpfungsketten seien ein wichtiger Faktor für Effizienz, Innovation und Exportstärke. Gleichzeitig entstehe daraus eine gegenseitige Abhängigkeit: Verliere ein Teil des industriellen Verbunds dauerhaft an Substanz, könne dies weitere Branchen und Standorte unter Druck setzen.
Nach den vom IW angeführten Zahlen hängen rund 605.000 Arbeitsplätze unmittelbar als Zulieferer oder Abnehmer von der Stahlindustrie ab. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette seien rund 5,5 Millionen Arbeitsplätze mit ihr verbunden.
Transformation muss im laufenden Betrieb gelingen
Eine besondere Herausforderung sieht das Institut in den langen Investitionszyklen energieintensiver Industrien. Stahlwerke können nicht kurzfristig auf steigende CO₂-Preise reagieren. Größere Investitionen in neue Produktionsverfahren erfolgen häufig nur im Abstand von zehn bis 20 Jahren.
Damit entsteht nach Einschätzung des IW für die kommenden zehn bis 15 Jahre ein schwieriger Spagat: Einerseits muss der CO₂-Preis Investitionen in klimafreundliche Technologien attraktiv machen. Andererseits dürfen bestehende Anlagen nicht so stark belastet werden, dass sie schließen, bevor eine Umstellung technisch und wirtschaftlich möglich ist.
Die Transformation finde schließlich nicht auf der grünen Wiese statt. Bestehende Anlagen müssten während des Umbaus weiter produzieren und damit auch zur Finanzierung neuer Kapazitäten beitragen. Mit einer vorzeitigen Stilllegung drohe zudem der Verlust von Infrastruktur, Fachkräften sowie gewachsenen Beziehungen zu Zulieferern und Kunden.
Die Ausgangslage hat sich zuletzt verschlechtert. 2025 blieb die deutsche Rohstahlproduktion bereits das vierte Jahr in Folge deutlich unter 40 Millionen Tonnen. Neben der schwachen Nachfrage auf den In- und Auslandsmärkten belasten globale Überkapazitäten und insbesondere staatlich unterstützte Produktionskapazitäten in China Preise und Margen.
Resilienz spricht für eigene Produktionskapazitäten
Auch der weltweite Hochlauf von grünem Stahl verläuft laut IW langsamer als zunächst erwartet. Hohe Investitionskosten, unsichere Wasserstoffpreise und fehlende langfristige Abnahmeverträge verzögern zahlreiche Projekte. Das Institut wertet dies nicht grundsätzlich als Beleg für die Unwirtschaftlichkeit einzelner Standorte, sondern als Ausdruck schwieriger Transformationsbedingungen.
Für die Standortentscheidung dürften deshalb nicht allein Energie- und Produktionskosten betrachtet werden. Produktivität, Qualität, Lieferzuverlässigkeit, vorhandene Infrastruktur und die Nähe zu Kunden und Zulieferern spielten ebenfalls eine Rolle.
Hinzu kommt die Versorgungssicherheit. Das IW widerspricht der Argumentation, dass eine stärkere Verlagerung der Stahlproduktion ins Ausland lediglich bestehende Rohstoffabhängigkeiten verschieben würde. Die Abhängigkeit von Eisenerzimporten sei nicht mit der Abhängigkeit von konkreten Produktionskapazitäten gleichzusetzen. Rohstoffe könnten auf internationalen Märkten aus unterschiedlichen Quellen beschafft werden. Einmal verlorene Stahlwerkskapazitäten ließen sich dagegen nicht kurzfristig ersetzen.
Leitmärkte, Energiepreise und Schutz vor unfairem Wettbewerb
Das IW fordert deshalb eine politische Flankierung der Transformation. Neben dem europäischen Emissionshandel seien Leitmärkte für klimafreundliche Produkte, wettbewerbsfähige Energiepreise und eine Absicherung jener Übergangsphase erforderlich, in der konventionelle und klimafreundliche Produktionsverfahren parallel betrieben werden müssen.
Mittel aus dem Klima- und Transformationsfonds sollten konsequent für die industrielle Transformation eingesetzt werden. Gleichzeitig fordert das Institut einen besseren Schutz vor unfairen Wettbewerbsverzerrungen aus Nicht-EU-Ländern und eine Weiterentwicklung des CO₂-Grenzausgleichssystems CBAM.
Importe von günstigem klimafreundlichem Wasserstoff oder Eisenschwamm können nach Einschätzung des IW durchaus Bestandteil einer wettbewerbsfähigen deutschen Stahlproduktion werden. Entscheidend sei jedoch, den heimischen Standorten die Chance zu geben, sich in den neu entstehenden Wertschöpfungsketten zu positionieren, anstatt Produktionskapazitäten bereits während der Übergangsphase dauerhaft zu verlieren.
Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V. / Foto: marketSTEEL