Hohe Energiepreise setzen Deutschlands Stahlindustrie weiter unter Druck

von Hubert Hunscheidt

Die hohen Energiepreise bleiben ein Wettbewerbsnachteil für den Industriestandort Deutschland. Während Unternehmen in Frankreich, Spanien oder Nordamerika von günstigeren Stromkosten profitieren, müssen deutsche Betriebe deutlich tiefer in die Tasche greifen. Besonders für energieintensive Branchen wie die Stahlindustrie stellt sich damit die Frage, wie sich Produktion und Dekarbonisierung langfristig wirtschaftlich vereinbaren lassen.

Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) beziffert die Unterschiede. Demnach zahlten deutsche Industrieunternehmen in einer der höchsten Stromverbrauchskategorien 2025 durchschnittlich rund 14 Cent je Kilowattstunde. Im EU-Durchschnitt waren es zwölf Cent. In Frankreich lag der Preis bei acht Cent, in Spanien bei zehn Cent.

Noch deutlicher fällt der internationale Vergleich aus. Für 2024 ermittelte die Studie in den beiden höchsten Verbrauchskategorien einen durchschnittlichen Industriestrompreis von rund 13 Cent je Kilowattstunde in Deutschland. In den USA und Kanada waren es etwa acht Cent, in China neun Cent.

Netzentgelte und Abgaben treiben die Kosten

Zu den wesentlichen Ursachen zählen laut Studie staatlich beeinflusste Preisbestandteile. Dazu gehören insbesondere Netzentgelte sowie Steuern, Abgaben und Umlagen.

Für die stromintensivsten deutschen Unternehmen lagen die Netzentgelte bei knapp drei Cent je Kilowattstunde. Der europäische Durchschnitt betrug dagegen 1,73 Cent. Der weitere Ausbau der Stromnetze könnte diese Kosten künftig zusätzlich erhöhen.

Studienautor Professor Manuel Frondel sieht deshalb erheblichen politischen Handlungsbedarf. Er schlägt vor, Abgaben und Umlagen auf Strom künftig aus dem Klima- und Transformationsfonds zu finanzieren, statt sie den industriellen Verbrauchern aufzuerlegen.

Allein dadurch könnte sich der Strompreis für besonders stromintensive Unternehmen nach seinen Berechnungen um rund ein Fünftel reduzieren.

Dekarbonisierung der Stahlindustrie verschärft die Kostenfrage

Für die Stahlindustrie hat die Entwicklung besondere Bedeutung. Während die klassische Hochofenroute vor allem auf Kohle und Koks angewiesen ist, benötigen Elektrolichtbogenöfen große Mengen Strom. Auch die geplante wasserstoffbasierte Direktreduktion ist mittelbar von wettbewerbsfähigen Strompreisen abhängig, insbesondere wenn grüner Wasserstoff durch Elektrolyse erzeugt werden soll.

Damit entsteht ein wirtschaftliches Spannungsfeld: Einerseits sollen Stahlhersteller ihre CO₂-Emissionen erheblich reduzieren und in neue Produktionsverfahren investieren. Andererseits können hohe Energiekosten die Wettbewerbsfähigkeit dieser Technologien gegenüber konventionell erzeugtem Importstahl beeinträchtigen.

Hinzu kommen erhebliche Unterschiede bei den Erdgaspreisen. Während deutsche Industrieunternehmen 2025 durchschnittlich 4,7 Cent je Kilowattstunde Erdgas zahlten, lagen die Preise in den USA und Kanada 2024 bei rund einem Cent. Gerade für erdgasbasierte Direktreduktionsverfahren kann dieser Kostenunterschied bei Standortentscheidungen eine wichtige Rolle spielen.

Diskussion über die künftige Energieversorgung

Die Studie fordert neben einer Entlastung bei staatlichen Preisbestandteilen eine Ausweitung des Energieangebots. Frondel spricht sich unter anderem für die Nutzung heimischer Erdgasvorkommen durch Fracking, den Weiterbetrieb von Kohlekraftwerken und eine Rückkehr zur Kernenergie aus.

Auch NZZ-Wirtschaftsredaktor Malte Fischer greift die Energiekosten in einem Kommentar auf. Er kritisiert die deutsche Energiepolitik und warnt vor zusätzlichen Belastungen durch den Ausbau der Netze und die Finanzierung neuer Reservekraftwerke.

Die vorgeschlagenen energiepolitischen Maßnahmen sind allerdings umstritten. Ihre wirtschaftlichen Vorteile müssten gegen Investitionskosten, Umweltfolgen, Genehmigungszeiten und klimapolitische Verpflichtungen abgewogen werden.

Für die Stahlindustrie bleibt unabhängig davon eine zentrale Frage: Können die erforderlichen Mengen Strom und Wasserstoff künftig zu Preisen bereitgestellt werden, die eine wettbewerbsfähige Produktion in Deutschland ermöglichen?

Die INSM-Studie macht deutlich, dass Deutschland bei den industriellen Energiekosten gegenüber wichtigen Wettbewerbsstandorten im Nachteil ist. Für Stahlhersteller betrifft dies nicht nur die laufende Produktion, sondern zunehmend auch die Wirtschaftlichkeit ihrer geplanten Transformationsinvestitionen.

Quelle: marketSTEEL unter Berufung auf INSM / Ruhr-Universität Bochum; Neue Zürcher Zeitung-Kommentar von Malte Fischer (vom Nutzer bereitgestellt) / Vorschaubild: marketSTEEL KI-generiert