Grüner Stahl als Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit Europas
von Hubert Hunscheidt
Die industrielle Wettbewerbsfähigkeit Europas steht zunehmend im Zusammenhang mit der erfolgreichen Transformation hin zu CO₂-armem Stahl. Verzögerungen bei Dekarbonisierungsprojekten – etwa im nordischen Raum – könnten Investitionen bremsen, Vertrauen in die europäische Industriepolitik schwächen und Europas Position im globalen Wettbewerb nachhaltig beeinträchtigen.
Im Mittelpunkt der Debatte steht die Frage, welche Risiken größer sind: gescheiterte Industrieprojekte oder politisches Zögern. Während China bereits dominante Marktanteile bei Schlüsseltechnologien wie Solarmodulen, Batteriezellen und Elektrofahrzeugen erreicht hat, zeichnen sich ähnliche Entwicklungen bei Windkraft, Elektrolyseuren und künftig auch bei wasserstoffbasiertem Stahl ab. Eine zügige Skalierung primärer grüner Stahlproduktion gilt daher als entscheidend für Lieferkettenresilienz, industrielle Wertschöpfung und strategische Autonomie Europas.
Gleichzeitig verändert der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus der EU die globalen Rahmenbedingungen. Erste Reaktionen aus wichtigen Exportländern zeigen, dass nationale Dekarbonisierungsstrategien beschleunigt werden, um den Zugang zum europäischen Markt zu sichern. Damit entwickelt sich ein internationaler Wettbewerb um klimaneutrale Stahlproduktion, in dem Europa seine Führungsrolle nur durch konsequente Umsetzung eigener Industrie- und Klimapolitik behaupten kann.
Kurzfristig bleibt grüner Stahl zwar kostenintensiver als konventionelle Produktion. Reformen des Emissionshandels sowie die Wirkung des CO₂-Grenzausgleichs könnten jedoch bereits in den kommenden Jahren zu wettbewerbsfähigen Kosten innerhalb Europas führen. Mit zunehmender Skalierung, sinkenden Preisen für erneuerbare Energien und technologischen Fortschritten dürften sich die Mehrkosten weiter reduzieren.
Vor diesem Hintergrund wird die strategische Entscheidung für Europa zur Frage der Entschlossenheit. Erforderlich sind klare politische Rahmenbedingungen, beschleunigte Investitionen und der zügige Ausbau unterstützender Infrastruktur. Ein Scheitern oder weiteres Zögern würde nicht nur die industrielle Transformation verzögern, sondern auch Innovation, wirtschaftliche Sicherheit und geopolitische Handlungsfähigkeit Europas schwächen.
Autoren der Studie des SEI: Jindan Gong, Björn Nykvist, Jonas Algers und Max Åhman
Quelle: Stockholm Environment Institute / Foto: Swiss Steel Group