Grüner Flachstahl: Nachfrage schwach, Preisaufschläge unter Druck
von Hubert Hunscheidt
Die Nachfrage nach CO₂-reduziertem Flachstahl blieb auf dem europäischen Stahlmarkt auch im Oktober 2026 verhalten. Insbesondere aus der Automobilindustrie kamen nur wenige Kaufimpulse. Etwas mehr Interesse zeigte dagegen die Bauwirtschaft, vor allem bei einzelnen Infrastrukturprojekten. Das berichtet EUROMETAL unter Berufung auf Marktinformationen von Fastmarkets.
Ein nordeuropäischer Flachstahlhersteller berichtete von geringer Kaufaktivität seitens der Automobilproduzenten. Die zusätzlichen Kosten für emissionsärmer hergestellten Stahl ließen sich derzeit nur schwer durchsetzen. Eine Belebung des Marktes erwartet der Hersteller frühestens zur Jahresmitte 2027, wenn mehr Klarheit über den geplanten Industrial Accelerator Act der Europäischen Union herrscht.
Punktuelle Nachfrage gebe es dagegen aus der niederländischen Bauwirtschaft, insbesondere im Zusammenhang mit der Erneuerung von Brücken. Auch andere Anbieter berichten von Interesse aus dem Bausektor und von einzelnen Industrieunternehmen.
Preisprämien sinken auf 120 bis 200 Euro je Tonne
Die schwache Nachfrage macht sich zunehmend bei den Preisaufschlägen bemerkbar. Nach der wöchentlichen Bewertung von Fastmarkets lag die Prämie für grünen Flachstahl in Nordeuropa am 30. Oktober zwischen 120 und 200 Euro je Tonne. Eine Woche zuvor hatte die Spanne noch 170 bis 200 Euro betragen.
Zum Vergleich: Der durchschnittliche Fastmarkets-Index für warmgewalztes Coil (HRC) in Nordeuropa lag im Oktober bei 746,38 Euro je Tonne ab Werk. Gegenüber September entsprach dies einem leichten Anstieg um 2,17 Euro.
Die von Fastmarkets verwendete Definition für grünen Stahl sieht eine maximale Emissionsintensität von 0,8 Tonnen CO₂ je Tonne Stahl vor. Berücksichtigt werden dabei direkte Emissionen aus der Produktion (Scope 1), indirekte Emissionen aus dem Energiebezug (Scope 2) sowie weitere vor- und nachgelagerte Emissionen (Scope 3).
Anbieter kalkulieren mit unterschiedlichen Aufschlägen
Trotz der schwachen Nachfrage bereiten mehrere europäische Hersteller den Markteintritt mit CO₂-reduziertem Stahl vor.
Ein österreichischer Anbieter, der Anfang 2027 mit der Produktion beginnen will, nennt Preisaufschläge zwischen 120 und 150 Euro je Tonne. Ein schwedischer Hersteller, der ebenfalls für 2027 einen Produktionsstart plant, bietet Material mit einem Aufschlag von rund 200 Euro an.
Ein deutscher Lieferant soll für seine künftige Produktion Prämien zwischen 180 und 250 Euro je Tonne verlangen. Hersteller, die bereits grünen Flachstahl anbieten können, bewegen sich mit ihren Preisforderungen zwischen 170 und 300 Euro je Tonne.
Die tatsächlich erzielbaren Preise liegen allerdings teilweise darunter. Für Testmengen und projektbezogene Anwendungen wurden laut Marktteilnehmern Abschlüsse beziehungsweise Angebote mit Aufschlägen von 150 bis 200 Euro je Tonne gemeldet. Im Spotgeschäft sollen die Prämien zum Teil noch niedriger ausgefallen sein.
Stahlhandel hält sich bei Lagerbeständen zurück
Der Vertrieb von grünem Flachstahl erfolgt derzeit überwiegend direkt zwischen Stahlherstellern und industriellen Endkunden. Der Stahlhandel beteiligt sich bislang nur eingeschränkt an diesem Markt. Angesichts der geringen Nachfrage vermeiden Händler den Aufbau eigener Lagerbestände.
Damit bleibt die Vermarktung CO₂-reduzierter Flachprodukte vorerst stark von einzelnen Kundenprojekten und direkten Liefervereinbarungen abhängig. Zwar entwickeln sich im Bauwesen erste konkrete Absatzmöglichkeiten, doch für einen breiteren Marktdurchbruch fehlen bislang ausreichende Nachfrage und die Bereitschaft vieler Abnehmer, dauerhaft höhere Preise zu bezahlen.
Quelle: Eurometal / Foto: marketSTEEL