Autor: von Angelika Albrecht

19.03.2019

Gemeinsam stärker: Etablierte Unternehmen und Startups

Düsseldorf - Das größte Potential der digitalen Transformation steckt in den etablierten Unternehmen. Doch zu einseitig richten traditionelle Industriebetriebe ihre Digitalisierungsstrategie auf die Prozessoptimierung des bestehenden Geschäfts aus. Experten beobachten, dass die Etablierten noch zu selten neues Wachstum durch neue Dienstleistungen im Fokus haben. Dabei können gerade hier Traditionsunternehmen und Startups erfolgreich voneinander lernen, wie Beispiele aus der Metallbranche deutlich machen. Auf der Metallurgiefachmesse METEC im Rahmen der „Bright World of Metals“ vom 25. bis 29. Juni 2019 wird unter anderem der Branchenverband VDMA Metallurgy Beispiele erfolgreicher digitaler Transformation vorstellen.

Im Zeitalter der digitalen Transformation rücken neue Ansätze aus der Startup-Welt in den Fokus auch der etablierten Unternehmen. Aktuell das als Inbegriff der Kreativität geltende Design Thinking – zum Beispiel beim metallurgischen Anlagenbauer SMS group.

Das traditionsreiche Unternehmen ist weltweit Synonym für technische Perfektion bei Maschinen- und Anlagen zur Herstellung und Verarbeitung von Eisen, Stahl und NE-Metallen. Technologien wie Virtual Reality, Augmented Reality oder digitale Zwillinge sind bei Planung, Konstruktion und Fertigung neuer Stahlwerke längst feste Bestandteile des Werkzeugkastens, mit dem SMS aus deutscher Ingenieurskunst feinste Maschinentechnik einschließlich Elektrik und Automation schafft, neuerdings auch mit Hilfe innovativer Produktionsmethoden wie additiver Fertigung.

Neu allerdings ist, dass der Maschinen- und Anlagenbauer zunehmend digitale Produkte und Dienstleistungen entwickelt. Mit der Gründung der SMS Digital im Mai 2016 hat sich das Technikunternehmen ein Startup an die Seite gestellt, das den Kunden der Stahl- und NE-Metallindustrie die passenden Instrumente für die digitale Transformation in die Hand gibt. Beispielsweise Software für Industrie 4.0-Lösungen und Apps für die Metallindustrie, die über die eigene Plattform mySMS group zur Verfügung gestellt werden Neue digitale Dienstleistungen und Produkte will die SMS group auf der kommenden Metallurgiemesse METEC 2019 vorstellen.

Als Softwareentwickler mit digitalem Mindset wollen, dürfen (und müssen) die Beschäftigten der SMS Digital in der Rheinmetropole Düsseldorf eine andere Unternehmenskultur leben, als die Techniker der mechanischen Werkstatt der SMS im Siegerland, wo geregelte Arbeitszeiten, Stechuhr und Betriebsrat für den Arbeitsalltag des Industriezeitalters stehen. Die Vorgehensweise der Softwareentwickler unterscheidet sich deutlich von der klassischen Arbeitsweise der Ingenieure. Statt dem penibel ausgearbeiteten Pflichtenheft steht nach dem Design-Thinking-Ansatz der Kunde mit seinem Problem am Anfang der Entwicklung. In einer nutzerzentrierten Vorgehensweise validiert die Digitaleinheit dialogisch mit dem Kunden die Ideen, bevor ein ausgewählter Prototyp zur Serienreife perfektioniert wird. Ist die Idee in eine marktfähige Lösung übersetzt, kann sie vom Mutterunternehmen ins Sortiment übernommen werden.

Ganz aus eigener Kraft kam die Gründung der Digitaleinheit indes nicht zustande. Behilflich beim Aufbau der SMS Digital und der erfolgreichen Hochzeit von „Old“ und „New“ Economy war quasi als Heiratsvermittler die Münchner Unternehmensberatung Etventure.

VDMA Metallurgy: Digitale Gesamtstrategie des Unternehmens rückt in den Fokus


Kathrin Delcuve verantwortet Innovation und Technologieentwicklung beim Branchenverband VDMA Metallurgy. Spricht die Fachfrau von Industrie 4.0 und IoT, dann meint sie Werkzeuge der digitalen Transformation der (und in der) Industrieproduktion. „Für die prozesshaften metallurgischen Produktionstechnologien war zunächst entscheidend, Big-Data-Methoden für eine bessere Prozess- und Qualitätskontrolle nutzen zu können“, erläutert die Expertin. Das klare Ziel sei gewesen, dem Kunden Energie- und Kosteneinsparungen im Produktionsprozess anbieten zu können, und das hat auch immer noch seine Gültigkeit. Beispielhaft erwähnt die VDMA-Expertin die Nutzung von Data Mining-Verfahren zur besseren Korrelation von Maschinendaten und Prozessparametern. Damit lassen sich Vorhersagemodelle entwickeln, in den Metallbranchen etwa für Temperaturregelungen, präzisere Chargierung oder Vorhersage von Schmelzendpunkten.

Während anfangs Projekte zur Prozessoptimierung klar im Mittelpunkt der Industrie 4.0-Aktivitäten standen, so rückt zunehmend das gesamte Unternehmen in den Fokus, wie Delcuve präzisiert. „Entscheidend für eine erfolgreiche unternehmerische Nutzung der Industrie 4.0-Potenziale sind mittlerweile nicht mehr allein Produkt- und Anwendungsoptimierungen im Produktionsprozess, sondern wie sich einzelne datenbasierte Innovationen in eine digitale Gesamtstrategie des Unternehmens einfügen“, sagt die VDMA-Expertin. Lösungen zur Steuerung und Optimierung von Produktionsprozessen wie z.B. Sensortechnik, Data Analytics, VR oder AR-Technologien ermöglichen sogenannte „Smart Operations“ und damit datenbasierte Services und eigenständige Produkte. Die Durchführung erfolge häufig inhouse und angelehnt an Produktentwicklungsprozesse in Startups. Aber auch in Kooperationen mit Startups, die ihre Geschäftsmodelle auf internetbasierten Anwendungen und Softwareleistungen aufbauten. So hat der VDMA beispielsweise im September 2018 im Technologiezentrum Dortmund ausgewählte Startups mit Unternehmen des metallurgischen Maschinen- und Anlagenbaus zusammengebracht.

„Mittlerweile umfasst die Digitalisierung alle Ebenen der Produktion und Wertschöpfung - die Produktentwicklung, Kundenbeziehungen und die Wettbewerbspositionen in der Lieferketten und im B2B -Geschäft“, wie Kathrin Delcuve zusammenfasst. Auf der GIFA, METEC, THERMPROCESS, NEWCAST wird der Branchenverband VDMA Metallurgy unter anderem mit einer Neuauflage der Broschüre „Industrie 4.0 im metallurgischen Anlagenbau“ zahlreiche Applikationsbeispiele der Mitgliedsfirmen vorstellen.

Klöckner: Pionier mit Geburtswehen


Als Pionier unter den Digitalisierern in den Metallbranchen gilt der Stahlhändler Klöckner & Co. CEO Gisbert Rühl hatte ausgiebig die Erfolgsmodelle der Plattformökonomie studiert und vor Ort im Silicon Valley Startups inspiziert. Insbesondere Amazon wurde unter die Lupe genommen. Zurück in Deutschland baute der Stahlhändler in Berlin die Digitaleinheit kloeckner.i auf.

Rühl erinnert sich an die Anfangsschwierigkeiten, als es an die Umsetzung der Digitalstrategie ging: „Als eine größere Hürde stellte sich der notwendige Wandel in unserer Unternehmenskultur heraus. Schließlich wollten wir von Anfang an alle unsere Mitarbeiter mitnehmen und für den Wandel motivieren. Nur so kann digitale Transformation gelingen.“

Rühl baute die Barrieren der internen Kommunikation ab und beendete den hierarchisch organisierten Nachrichtenfluss. Heute kommunizieren Mitarbeiter und Chefs laut Rühl hierarchiefrei über das interne soziales Netzwerk Yammer. „Zu den größeren Schwierigkeiten zählte sicher auch eine anfängliche Skepsis gegenüber den von der Digitaleinheit in Berlin entwickelten digitalen Tools. Wir mussten kloeckner.i also besser in den Konzern integrieren, sodass unsere klassische Unternehmensseite die Einführung der digitalen Tools aktiv unterstützt. Hier haben unsere Austauschprogramme zwischen Mitarbeitern aus den klassischen Bereichen und unserer Digitaleinheit volle Wirkung gezeigt und geholfen, ein Digital Mindset in der Kernorganisation zu etablieren.“

Inzwischen hat die Digitalisierungsstrategie alle Bereiche des Konzerns erreicht, wie Rühl versichert. „Wir digitalisieren nicht nur die Front-Ends zu den Kunden, sondern zunehmend auch die internen Prozesse von Klöckner & Co, um noch schneller und effizienter zu werden. Richtig ist aber auch, dass unsere Digitaleinheit kloeckner.i in Berlin die Keimzelle der Digitalisierung des Konzerns ist. Dort arbeiten Digital Natives standortübergreifend und in enger Abstimmung mit Kollegen aus dem Konzern und Kunden an unseren Lösungen für die Digitalisierung der gesamten Liefer- und Leistungskette von Klöckner & Co.“

Die Strategie ging auf. „Aktuell erzielt Klöckner & Co rund ein Viertel des Umsatzes über digitale Kanäle. Das entspricht einem jährlichen Digitalumsatz von rund 1,5 Milliarden Euro“, wie Christian Pokropp ergänzt, Managing Director von kloeckner.i. Im Vergleich mit Wettbewerbern aber auch Unternehmen anderer Branchen ist das bereits ein hoher Anteil, mit dem sich Klöckner aber nicht zufriedengeben will. „Bis 2022 wollen wir den Anteil weiter auf 60 Prozent steigern“, verspricht Pokropp.

Aus der Digitalisierung ist ein eigenes Geschäftsfeld mit digitalen Beratungsdienstleistungen hervorgegangen. Neue Digitalisierungsprojekte stehen auch auf der Agenda. „Derzeit bauen wir die Klöckner & Co Onlineshops, die mittlerweile in sechs Ländern live sind, zu Marktplätzen aus“, sagt Pokropp. Klöckner habe Händler komplementärer Produkte vom Nutzen seiner Plattformen überzeugt. Diese Unternehmen handeln Produkte, die das Produktportfolio von Klöckner & Co ergänzen, nun über die Klöckner eigenen Onlineshops mit Marktplatzfunktion. „Aufgrund der guten Fortschritte bei der Digitalisierung von Klöckner & Co und vermehrten Anfragen bietet kloeckner.i zukünftig auch digitale Beratungsdienstleistungen für externe Unternehmen an. Über die Integration in den proprietären B2B Marktplatz von Klöckner & Co ermöglichen wir Beratungskunden zudem einen einfachen Einstieg in den E-Commerce“, wie Pokropp ausführt.

Digitalisierung bedeutet Dematerialisierung


Was Traditionsunternehmen oftmals falsch machen bzw. falsch verstehen: „Digitalisierung bedeutet nicht, die alten Stärken aufzugeben, die das Unternehmen groß gemacht haben“, wie Philipp Depiereux, Gründer und Geschäftsführer der Digitalberatung etventure festhält. In den deutschen Unternehmen seien das vor allem Ingenieurskunst, Präzision und Perfektion sowie langjährige Branchenerfahrung und ein gewachsener Kundenstamm. „Das Gütesiegel “Made in Germany” hat auch im digitalen Zeitalter Bestand“, sagt der Digitalexperte. Die Unternehmen müssten sich aber weiterentwickeln und sich auch die Erfolgsrezepte der digitalen Player zu eigen machen: Schnelligkeit, Daten-Kompetenz und unbedingte Kunden- bzw. Nutzerzentrierung. „Wem es gelingt, alte mit neuen Stärken zu verbinden, wird auch im digitalen Zeitalter erfolgreich sein“, lautet das Urteil des Experten für digitale Transformation, der als Berater für Klöckner und SMS mit der Schwerindustrie bestens vertraut ist.

Mit der konsequenten Verfolgung ihrer Digitalstrategie bilden Unternehmen wie Klöckner und SMS so etwas wie die digitale Avantgarde in der Metallbranche. Wie zurückhaltend viele Industrieunternehmen dem Thema digitale Transformation noch begegnen, zeigt das Beispiel der Gießereiindustrie. „Die meisten Gießer haben zu sehr die Produktion im Fokus“, sagt Franz-Josef Wöstmann, Abteilungsleiter Gießereitechnologie und Leichtbau am Fraunhoferinstitut IFAM in Bremen. Natürlich sei es richtig, mithilfe neuer Technologien die eigenen Prozesse zu stärken. Doch ein zu stark verengter Fokus auf die Verbesserung der Prozessabläufe verstelle den Blick auf das Potenzial und die Chancen der Digitalisierung. Wolle man Industrie 4.0 als Basis für weitere, neue Aktivitäten nutzen, dann müsse man von diesem Grundgedanken wegkommen. „Industrie 4.0 heißt Digitalisierung“, betont der Gießereiexperte. Und Digitalisierung bedeute Dematerialisierung. „Mit der Digitalisierung eröffnet sich die Chance, mit den Daten zu den Bauteilen Geld zu verdienen und die Wertschöpfungskette zu verlängern.“

Doch leider sei der Trugschluss der meisten Gießer, dass sie immer noch zu sehr in der Materie, in dem Gussteil denken würden. Eine bedenkliche Sicht der Dinge, wie Gießereiexperte Wöstmann findet: „Erfolg wird in den nächsten Jahren nicht mehr über die Kilos erzielt, sondern über die Funktion.“

Quelle und Vorschaubild: Messe Düsseldorf GmbH und Gifa / Metec / Thermprozess / Newcast