Europas Stahlindustrie muss ihr Geschäftsmodell neu erfinden
von Hubert Hunscheidt
Die europäische Stahlindustrie steht nach Einschätzung der Unternehmensberatung PwC vor einem grundlegenden Strukturwandel. In einer aktuellen Studie kommt das Beratungsunternehmen zu dem Ergebnis, dass die klassische Hochofenroute aufgrund steigender CO₂-Kosten spätestens ab 2040 in keinem Szenario und in keiner Region Europas mehr wirtschaftlich betrieben werden kann. Die Transformation der Branche werde daher weniger von der Frage bestimmt, ob sich die Produktion verändert, sondern wo und wie künftig Primärstahl hergestellt wird.
Als wesentliche Belastungsfaktoren nennt PwC anhaltende globale Überkapazitäten, hohe Energiepreise in Europa sowie die zunehmende CO₂-Bepreisung durch den EU-Emissionshandel und den CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM. Gleichzeitig entstehen in den Golfstaaten und in Indien neue Kapazitäten für CO₂-armen Stahl, die von deutlich niedrigeren Energie- und Rohstoffkosten profitieren.
Nach Berechnungen der Studie wird die erdgasbasierte Direktreduktion in den Golfstaaten bereits 2030 rund 30 Prozent günstiger sein als die Hochofenproduktion in Mitteleuropa. Grüner Stahl aus Indien könnte dann sogar rund 15 Prozent unter den Kosten konventionellen europäischen Hochofenstahls liegen. Gleichzeitig kommt nahezu die Hälfte der angekündigten europäischen Green-Steel-Projekte laut PwC derzeit nicht über die Planungsphase hinaus oder wurde verschoben beziehungsweise reduziert.
Sekundärstahl gewinnt an Bedeutung
Für Europa sieht die Studie vor allem in der schrottbasierten Elektrostahlroute eine wettbewerbsfähige Perspektive. Sekundärstahl könne aufgrund der hohen Schrottverfügbarkeit kostengünstig und vergleichsweise nachhaltig produziert werden. Allerdings werde diese Produktionsroute die wegfallenden Primärstahlkapazitäten nicht vollständig ersetzen können.
PwC entwirft drei mögliche Zukunftsszenarien. Im ungünstigsten Fall verlagert sich die Primärstahlproduktion weitgehend in die Golfstaaten und nach Indien, während Europa vor allem Sekundärstahl produziert. Ein ausgewogenes Szenario kombiniert skandinavische Primärstahlkapazitäten mit europäischen Elektrostahlwerken und ergänzenden Importen. Nur unter der Voraussetzung dauerhaft wettbewerbsfähiger Energiepreise und einer aktiven Industriepolitik hält PwC eine weitgehend eigenständige europäische Primärstahlproduktion für realistisch.
Fokus auf Wertschöpfung statt Masse
Für Deutschland empfehlen die Studienautoren eine strategische Neuausrichtung. Energieintensive Produktionsschritte sollten dort erfolgen, wo günstige Energie verfügbar ist. Die heimische Industrie müsse sich stärker auf wissensintensive Produkte mit hoher Fertigungstiefe, Zertifizierungskompetenz und Systemintegration konzentrieren. Als geeignete Industriecluster nennt PwC unter anderem Rhein-Ruhr, die Küstenregion sowie das Dreieck Hannover–Braunschweig–Wolfsburg.
Auch mittelständische Stahlverarbeiter sollten sich nach Ansicht der Berater frühzeitig langfristige Lieferverträge für CO₂-armen Stahl sichern und ihr Produktportfolio konsequent auf hochwertige, komplexe Anwendungen ausrichten. Die Stahlwirtschaft des Jahres 2040 werde sich deutlich von der heutigen unterscheiden: Entscheidend sei künftig weniger der Produktionsstandort des Primärstahls als die Fähigkeit, daraus innovative und hochwertige Produkte zu entwickeln.
Die Studie steht hier zum Download zur Verfügung.
Quelle: PricewaterhouseCoopers GmbH / Foto: marketSTEEL