EUROMETAL-Präsident Alexander Julius warnt vor Angebotsverknappung
von Hubert Hunscheidt
Die geplanten EU-Stahlmaßnahmen sowie der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) dürften in den kommenden Monaten spürbare Auswirkungen auf die Preisentwicklung im europäischen Stahlmarkt haben. Darauf wies Alexander Julius, Präsident von EUROMETAL, im Rahmen des EUROMETAL Steel Day & der YISAD Flat Steel Conference am 24. März in Istanbul hin.
Alexander Julius stellte in seiner Rede insbesondere die neuen handelspolitischen Instrumente der EU in den Mittelpunkt, die ab dem 1. Juli 2026 die bisherigen Safeguard-Regelungen ablösen sollen. Nach aktuellen Planungen ist eine deutliche Reduzierung der Importquoten vorgesehen – konkret eine Halbierung. Alexander Julius sieht darin die Gefahr einer einseitigen Angebotsverknappung im europäischen Markt.
Besonders kritisch bewertete Alexander Julius die Höhe der vorgesehenen Strafzölle. Sobald Importquoten ausgeschöpft sind, greift ein Außerkontingentzoll von 50 Prozent. Dieser sei für Marktteilnehmer wirtschaftlich „nicht tragfähig“ und könne weder von Importeuren absorbiert noch vollständig an Kunden weitergegeben werden. Durch das quartalsweise Quotensystem bestehe zudem die Gefahr, dass Unternehmen bereits früh im Zeitraum mit zusätzlichen Kosten konfrontiert werden.
Auch beim Thema CBAM sieht Alexander Julius erheblichen Handlungsbedarf. Der CO₂-Grenzausgleich erhöhe bereits heute den Kostendruck entlang der gesamten Wertschöpfungskette, da sowohl Produzenten als auch Importeure und Endanwender betroffen seien. Gleichzeitig verwies Alexander Julius auf bestehende Unsicherheiten bei der Emissionsberechnung und regulatorischen Ausgestaltung, die die Planbarkeit für Unternehmen zusätzlich erschweren.
Ein weiteres strukturelles Problem sieht Alexander Julius im zunehmenden Import von stahlbasierten Fertigprodukten. Diese unterliegen häufig weder den gleichen Zöllen noch den CO₂-Kosten oder Schutzmaßnahmen wie Rohstahlimporte. Alexander Julius warnte, dass dies die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie untergräbt, da Produktionsschritte vermehrt ins Ausland verlagert und fertige Komponenten anschließend wieder in die EU eingeführt werden. Besonders betroffen sei die Automobilindustrie, auf die rund 40 Prozent dieser Importe entfallen.
Auch auf der Exportseite beschrieb Alexander Julius wachsende Unsicherheiten. Insbesondere türkische Anbieter sähen sich mit Zurückhaltung europäischer Abnehmer konfrontiert, da Quotenbeschränkungen und mögliche Strafzölle schwer kalkulierbar seien. Alexander Julius brachte daher ein Exportlizenzsystem ins Gespräch, das sich an den EU-Quoten orientiert und Handelsströme stabilisieren könnte.
Darüber hinaus ordnete Alexander Julius die Entwicklungen in einen globalen Kontext ein. Protektionistische Maßnahmen nähmen weltweit zu: Die USA hätten ihre Section-232-Zölle auf stahlbasierte Produkte ausgeweitet, während Kanada ähnliche Schritte unternehme. Diese Entwicklung könne zu Umlenkungseffekten führen und zusätzlichen Wettbewerbsdruck auf den europäischen Markt ausüben.
Innerhalb Europas bleibt die Struktur des Stahlhandels nach Einschätzung von Alexander Julius weitgehend stabil. Stahl-Service-Center verarbeiten weiterhin rund 46 Millionen Tonnen jährlich. Gleichzeitig beobachtet Alexander Julius eine Verschiebung hin zu höherwertigen Produkten, während einfachere Fertigungsschritte zunehmend ausgelagert werden. Auch die Konsolidierung der Branche schreitet weiter voran.
Trotz der aktuellen Herausforderungen betonte Alexander Julius, dass die Dekarbonisierung weiterhin ein zentrales Thema bleibt. Unternehmen investieren weiterhin in emissionsärmere Produktionsverfahren, erneuerbare Energien und effizientere Logistiklösungen. Auch die Nachfrage nach CO₂-reduzierten Stahlprodukten sei in bestimmten Segmenten weiterhin vorhanden.
Alexander Julius machte deutlich, dass sich der europäische Stahlmarkt in einem Spannungsfeld befindet: Während politische Maßnahmen auf Klimaschutz und Marktstabilisierung abzielen, erhöhen sie kurzfristig den Kostendruck – mit direkten Auswirkungen auf Preise, Wettbewerbsfähigkeit und internationale Handelsströme.