Stahlbranche setzt in Brüssel Zeichen gegen Deindustrialisierung
von Hubert Hunscheidt
Mit zehn symbolischen Särgen und einem Lkw-Konvoi hat die europäische Stahlbranche am 7. September in Brüssel auf die aus ihrer Sicht wachsenden Risiken für den Industriestandort Europa aufmerksam gemacht. Die von EUROMETAL organisierte Aktion richtete sich vor allem an die Europäische Kommission und verband die Forderung nach fairen Wettbewerbsbedingungen mit einem Appell, nicht nur die Stahlherstellung, sondern die gesamte industrielle Wertschöpfungskette stärker zu schützen.
Die zehn vor dem Berlaymont aufgestellten Särge standen symbolisch unter anderem für „Industrial Jobs“, „Made in Europe“, „EU Competitiveness“, „EU Supply Chains“, „European Defence“, „Industrial Independence“ und „EU Steel Demand“. Begleitet wurde die Aktion von einem Konvoi aus Lkw, die mit gleichzeitigem Hupen einen „Weckruf“ an die europäische Politik senden sollten.
EUROMETAL-Präsident Alexander Julius stellte dabei auch die strategische Dimension in den Vordergrund. Europa müsse sich fragen, ob es Verteidigungsfähigkeit, Forschung und Entwicklung sowie die grüne Transformation zunehmend von außereuropäischen Ländern abhängig machen wolle.
Stahl geschützt – Stahlverarbeiter unter Druck
Im Mittelpunkt der Kritik steht eine aus Sicht von EUROMETAL entstandene Schutzlücke entlang der Wertschöpfungskette. Mit dem CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM und verschärften handelspolitischen Schutzmaßnahmen versucht die EU, ihre Stahlproduktion gegenüber Importen abzusichern. Stahlverarbeitende Unternehmen stehen dagegen weiterhin im Wettbewerb mit Fertigprodukten aus Drittländern, die nicht denselben CO₂-Kosten und regulatorischen Anforderungen unterliegen.
Damit könnte sich ein Teil des Importdrucks vom Stahl selbst auf stahlintensive Erzeugnisse verlagern. Steigen die Kosten für europäischen Stahl, ohne dass vergleichbare Belastungen bei importierten Fertigprodukten berücksichtigt werden, verlieren europäische Verarbeiter nach Einschätzung von EUROMETAL an Wettbewerbsfähigkeit.
Der Verband sieht darin langfristig auch eine Gefahr für die europäische Stahlnachfrage: Eine geschützte heimische Stahlproduktion allein reiche nicht aus, wenn gleichzeitig wichtige Abnehmerbranchen ihre Produktion reduzieren oder aus Europa abwandern.

Forderung nach Ausweitung auf stahlintensive Produkte
Vertreter aus Stahlhandel und Verarbeitung forderten in Brüssel deshalb eine rasche Ausweitung bestehender Handels- und Klimaschutzinstrumente auf nachgelagerte Produkte. Die EU-Kommission arbeitet bereits an einer Erweiterung von CBAM auf bestimmte Downstream-Erzeugnisse. Aus Sicht der Demonstrierenden muss dieser Prozess jedoch schneller und umfassender erfolgen.
Unterstützung erhält die Initiative auch von Verbänden der produzierenden Industrie. EUROFER warnte im Zusammenhang mit der Aktion davor, dass einmal verlorene industrielle Kapazitäten und qualifizierte Arbeitsplätze wesentlich schwerer wiederaufzubauen seien, als sie zu erhalten.
Gleichzeitig zeigt die Diskussion einen Zielkonflikt innerhalb der europäischen Industrie. Abnehmerbranchen wie die Automobilindustrie befürchten zusätzliche Kosten, wenn handelspolitische Schutzmaßnahmen und Vorgaben für CO₂-armen Stahl weiter in die Wertschöpfungskette hineinreichen.
Für EUROMETAL steht dagegen fest, dass Stahlproduktion, Distribution und Verarbeitung gemeinsam betrachtet werden müssen. Werden die Wettbewerbsbedingungen für die nachgelagerten Industrien nicht verbessert, drohe Europa trotz des Schutzes seiner Stahlhersteller weitere industrielle Wertschöpfung zu verlieren.
Quelle und Fotos: EUROMETAL