EUROFER fordert eine Reform des EU-Emissionshandels

von Hubert Hunscheidt

Vor der anstehenden Überprüfung des EU-Emissionshandelssystems (ETS) hat der europäische Stahlverband EUROFER die Europäische Kommission aufgefordert, das Regelwerk stärker an die wirtschaftlichen Realitäten der Industrie anzupassen. Zwar bekenne sich die europäische Stahlindustrie weiterhin uneingeschränkt zum Ziel der Klimaneutralität bis 2050, doch seien dafür deutlich bessere politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen erforderlich.

Nach Angaben von EUROFER haben die europäischen Stahlhersteller bereits Investitionsentscheidungen für rund 35 Millionen Tonnen neue CO₂-arme Stahlkapazitäten bis 2033 getroffen. Dennoch seien zahlreiche Voraussetzungen, die für die Transformation notwendig seien, bislang nicht geschaffen worden.

„Die europäische Stahlindustrie ist bereit für eine tiefgreifende Dekarbonisierung – die EU und die meisten Mitgliedstaaten sind es jedoch noch nicht“, erklärte EUROFER-Generaldirektor Axel Eggert. Es sei eine Illusion anzunehmen, dass die Branche bis Ende 2033 allein auf Grundlage des bestehenden ETS und des CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) klimaneutral werden könne. Ohne bezahlbaren erneuerbaren Strom, eine leistungsfähige Wasserstoffinfrastruktur und besseren Zugang zu Stahlschrott lasse sich die Transformation nicht im geplanten Tempo umsetzen.

Nach Einschätzung des Verbandes liegen die europäischen Industriestrompreise derzeit etwa doppelt so hoch wie für eine internationale Wettbewerbsfähigkeit erforderlich. Gleichzeitig sei grüner Wasserstoff weiterhin nur in geringen Mengen verfügbar und koste ein Vielfaches des angestrebten Zielpreises von zwei Euro pro Kilogramm. Hinzu kämen anhaltende Risiken der Carbon Leakage sowohl auf dem Binnenmarkt als auch im Exportgeschäft. Dadurch seien bereits Investitionsprojekte für 10 bis 15 Millionen Tonnen CO₂-armer Stahlproduktion verschoben oder auf Eis gelegt worden.

EUROFER betont, dass das Emissionshandelssystem zwar das zentrale Instrument der europäischen Klimapolitik bleibe, eine reine CO₂-Bepreisung jedoch keine industrielle Transformation bewirken könne. Begleitend seien international wettbewerbsfähige Strompreise von etwa 50 Euro pro Megawattstunde, günstiger erneuerbarer Wasserstoff, wirksamer Schutz vor Carbon Leakage, stärkere Leitmärkte für klimafreundlichen Stahl, höhere öffentliche Fördermittel sowie eine bessere Verfügbarkeit von Stahlschrott notwendig.

Der Verband fordert deshalb, die kostenlose Zuteilung von Emissionszertifikaten für CBAM-Sektoren ab 2028 deutlich langsamer auslaufen zu lassen, insbesondere in den Jahren 2030 bis 2032. Zudem müsse die bisherige Berechnungsmethode für den Hochofen-Benchmark über das Jahr 2030 hinaus verlängert werden, um Investitionssicherheit für neue Direktreduktionsanlagen und wasserstofffähige Technologien zu schaffen. Gleichzeitig fordert EUROFER eine dauerhafte Exportlösung für CBAM-Sektoren und nachgelagerte Industrien, damit europäische Hersteller auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig bleiben.

Auch bei der Verwendung der ETS-Einnahmen sieht der Verband erheblichen Nachholbedarf. Nach Angaben der Europäischen Kommission fließen derzeit weniger als fünf Prozent der Versteigerungserlöse in die industrielle Dekarbonisierung. EUROFER fordert deshalb, einen deutlich größeren Anteil der Einnahmen gezielt in Investitionen der energieintensiven Industrien zurückzuführen.

„Das ETS muss Unternehmen belohnen, die in die Dekarbonisierung investieren, und gleichzeitig Europa als Industriestandort attraktiv halten“, betonte Eggert. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass Emissionen nicht durch Innovation und Investitionen sinken, sondern durch eine fortschreitende Deindustrialisierung Europas.