EU-Parlament will Nachfrage nach CO₂-reduziertem Stahl aus Europa stärken

von Hubert Hunscheidt

Die europäische Stahlindustrie könnte von neuen Anreizen für den Einsatz CO₂-reduzierten Stahls im Automobilbau profitieren. Drei der größten Fraktionen des Europäischen Parlaments – Europäische Volkspartei (EVP), Sozialdemokraten (S&D) und Renew Europe – haben sich auf einen Kompromiss zu den CO₂-Emissionsstandards für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge verständigt. Vorgesehen ist eine Regelung, mit der Automobilhersteller den Einsatz emissionsarm produzierten Stahls aus der EU auf ihre CO₂-Zielvorgaben anrechnen lassen können.

Nach dem Vorschlag sollen die CO₂-Emissionen neuer Fahrzeuge bis 2035 gegenüber 2021 um 87,5 Prozent sinken. Zusätzlich könnten Automobilhersteller durch den Einsatz von CO₂-reduziertem Stahl aus europäischer Produktion eine Anrechnung von bis zu 7,5 Prozentpunkten erhalten. Der europäische Stahlverband EUROFER begrüßt die Initiative als wichtigen Schritt zur Schaffung eines Marktes für klimafreundlich produzierten Stahl.

Stahlindustrie braucht Absatzmärkte für CO₂-reduzierte Produkte

Nach Angaben von EUROFER befinden sich europaweit mehr als 60 größere Projekte zur Dekarbonisierung der Stahlproduktion in Planung oder Umsetzung. Zusammen könnten sie bis 2030 zusätzliche Produktionskapazitäten von mehr als 20 Millionen Tonnen CO₂-reduziertem Stahl für die Automobilindustrie schaffen. Das würde nach Einschätzung des Verbandes ausreichen, um sämtliche jährlich in der EU neu zugelassenen Fahrzeuge zu versorgen.

„Europas Stahlhersteller investieren in die Produktion von CO₂-reduziertem Stahl. Aber welchen Sinn hat die Umstellung unserer Werke, wenn es keinen Markt für den produzierten Stahl gibt?“, erklärt EUROFER-Generaldirektor Axel Eggert. Die geplante Anrechnungsregelung könne die Nachfrage europäischer Automobilhersteller in Investitionen, Produktion und hochwertige Arbeitsplätze in Europa umwandeln.

Die Automobilindustrie ist ein bedeutender Abnehmer der Stahlbranche. Laut EUROFER entfallen durchschnittlich rund 800 Kilogramm beziehungsweise 40 bis 50 Prozent des Fahrzeuggewichts auf Stahl. Die Eisen- und Stahlproduktion verursacht demnach schätzungsweise 16 bis 27 Prozent der Emissionen, die bei der Herstellung eines Fahrzeugs entstehen.

„Made in EU“ als Voraussetzung

Besonders wichtig ist EUROFER die vorgesehene Herkunftsregelung. Nur CO₂-reduzierter Stahl, der innerhalb der EU erschmolzen und vergossen wurde, soll für die Anrechnung infrage kommen. Damit soll verhindert werden, dass außerhalb Europas produzierter Stahl durch eine nachgelagerte Verarbeitung in der EU von den Anreizen profitiert.

Zugleich fordert der Verband, die Regelung ausdrücklich auf CO₂-reduzierten Stahl zu beschränken. Eine Ausweitung auf andere emissionsarme Werkstoffe würde nach Ansicht von EUROFER das notwendige Marktsignal für die Transformation der europäischen Stahlproduktion abschwächen.

Eine Abstimmung über den Vorschlag im Europäischen Parlament ist noch für dieses Jahr vorgesehen. Anschließend sollen Verhandlungen mit der Europäischen Kommission und dem Rat beginnen. EUROFER fordert, sowohl die gezielte Förderung CO₂-reduzierten Stahls als auch die verbindliche EU-Herkunftsregelung im endgültigen Gesetzestext beizubehalten.

Quelle: EUROFER / Foto: Fotolia