Energiekrise trifft asiatische Stahlhersteller besonders hart
von Hubert Hunscheidt
Die Auswirkungen des Nahostkonflikts treffen die globale Stahlindustrie zunehmend – besonders stark jedoch die Hersteller in Asien. Eine sich zuspitzende Energiekrise, steigende Transportkosten und unterbrochene Lieferketten setzen die Produzenten unter Druck und könnten die Stahlnachfrage sowie das Wirtschaftswachstum in der Region spürbar dämpfen.
Bereits Anfang März hatten zahlreiche asiatische Stahlhersteller ihre Exportangebote ausgesetzt. Hintergrund waren die militärischen Eskalationen im Nahen Osten sowie die darauf folgenden Unsicherheiten in den globalen Handelsströmen. Bislang sind viele Anbieter nicht in den Markt zurückgekehrt. Gleichzeitig wurden einzelne Lieferungen aus Ostasien aufgrund steigender Ölpreise und logistischer Risiken in alternative Häfen, etwa nach Indien, umgeleitet.
Ähnlich wie während der Schifffahrtskrise im Roten Meer im Jahr 2025 müssen viele Frachtschiffe derzeit längere Routen in Kauf nehmen. Statt der Passage durch die Konfliktregion führt der Weg zunehmend über das Kap der Guten Hoffnung. Dies verlängert die Transportstrecken um bis zu 4.000 Meilen und erhöht die Lieferzeiten um bis zu zwei Wochen – verbunden mit deutlich höheren Kosten.
Die steigenden Ölpreise verschärfen die Situation zusätzlich. Am 20. März lag der Brent-Preis bei rund 110 US-Dollar pro Barrel – ein Anstieg von mehr als 50 Prozent innerhalb eines Monats. Gleichzeitig treiben höhere Versicherungsprämien, Kriegsrisikozuschläge und eine geringere Verfügbarkeit von Schiffskapazitäten die Frachtraten weiter nach oben. Der Drewry World Container Index zeigt, dass die Spotpreise auf der Route Shanghai–Rotterdam innerhalb von zwei Wochen um rund 21 Prozent gestiegen sind.
Für die Stahlhersteller bedeutet dies nicht nur höhere Exportkosten, sondern auch steigende Preise für importierte Rohstoffe. Besonders kritisch ist die mögliche Beeinträchtigung von Eisenerz- und Direktreduktionsmaterial-Lieferungen aus dem Iran. Das Land zählt zu den wichtigen Lieferanten für den asiatischen Markt, insbesondere für China.
Noch gravierender wirkt sich jedoch die Energieabhängigkeit der Region aus. Ein erheblicher Teil der globalen Öl- und Gaslieferungen verläuft durch die Straße von Hormus. Ein Großteil der LNG-Exporte aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist für asiatische Abnehmer bestimmt und deckt einen wesentlichen Anteil des Energiebedarfs in Ländern wie Japan, Südkorea oder Taiwan.
Schäden an zentralen Energieinfrastrukturen, etwa an der Gasanlage Ras Laffan in Katar, könnten die LNG-Exporte über Jahre hinweg einschränken. Dies würde die Energiepreise weiter in die Höhe treiben und insbesondere stromintensive Produktionsverfahren wie die Elektrostahlroute (EAF) erheblich verteuern. In Taiwan etwa wird mehr als die Hälfte des Strombedarfs durch LNG gedeckt, bei gleichzeitig begrenzten Reserven. Auch in Japan und Südkorea spielt Flüssiggas eine zentrale Rolle in der Energieversorgung.
Neben den direkten Kostensteigerungen wächst damit auch das Risiko einer Abschwächung der globalen Stahlnachfrage. Steigende Energie- und Transportkosten wirken inflationär und könnten Investitionen verzögern. Laut Einschätzung internationaler Organisationen hängt das Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen maßgeblich von der Dauer des Konflikts ab. Eine abwartende Haltung bei geldpolitischen Entscheidungen in wichtigen Volkswirtschaften könnte die Unsicherheit zusätzlich verlängern.
Insgesamt zeigt sich: Die Kombination aus Energiekrise, geopolitischen Spannungen und gestörten Handelswegen trifft die asiatische Stahlindustrie in einer besonders sensiblen Phase – mit potenziellen Auswirkungen auf die gesamte globale Stahlwertschöpfungskette.
Quelle: MEPS International Ltd. / Foto: Tim Reckmann pixelio.de