Digitaler Produktpass eröffnet neue Möglichkeiten für die Industrie

von Hubert Hunscheidt

Der im Rahmen der Verordnung über die umweltgerechte Gestaltung nachhaltiger Produkte (ESPR) eingeführte DPP wird voraussichtlich die Form einer strukturierten, digitalen Akte annehmen. Diese stellt für jedes Produkt Lebenszyklusdaten in einem standardisierten Format bereit. Zu den vorgeschlagenen Datenpunkten gehören die Materialzusammensetzung, der CO₂-Fußabdruck, die Reparierbarkeit sowie Hinweise zum Ende der Lebensdauer. Der genaue Umfang, das Format und die Anforderungen an die Umsetzung befinden sich jedoch noch in der Entwicklung.

Einige Unternehmen nutzen bereits seit einiger Zeit eigene Formate des DPP. Ein Beispiel dafür ist die Sandvik-Gruppe. Die Entwicklung des sogenannten „Batteriepasses” begann im Jahr 2023 im Geschäftsbereich Bergbau, wo zunächst ein Minimalprodukt (MVP) erstellt wurde. Seitdem hat sich die Initiative schrittweise weiterentwickelt – von der Definition der zugrunde liegenden Systemarchitektur bis hin zur Entwicklung einer skalierbaren Lösung, die alle Sandvik-Geschäftsbereiche unterstützen soll.

Neben dem Bereich der Batterien ebnet diese Entwicklung auch den Weg für eine breitere Anwendung des DPP im gesamten Unternehmen. Die Lösung ermöglicht eine lückenlose Rückverfolgbarkeit der Materialien und unterstützt somit die verantwortungsvolle Beschaffung kritischer Rohstoffe. Darüber hinaus verbessert sie die Genauigkeit der Berichterstattung zum CO₂-Fußabdruck und erleichtert die Second-Life-Nutzung sowie das Recycling. Wichtige Informationen wie der Zustand der Batterie, ihre Zusammensetzung und die Handhabungsanforderungen sind über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg leichter zugänglich. Sandvik betrachtet diese Initiative nicht nur als Maßnahme zur Einhaltung gesetzlicher Vorschriften, sondern auch als Motor für mehr Transparenz und kreislauforientierte Geschäftsmodelle.

Blickt man in die Zukunft, so ist zu erwarten, dass die DPPs die Platzierung, den Verkauf und den Handel von Produkten auf dem EU-Markt neu gestalten werden. Zwar müssen noch viele Details des Rahmens definiert werden, doch die Richtung wird bereits jetzt immer deutlicher. Während die EU die regulatorischen Details weiter verfeinert, können Unternehmen bereits jetzt mit den Vorbereitungen beginnen, indem sie in Rückverfolgbarkeit, Dateninfrastruktur und Transparenz über den gesamten Lebenszyklus hinweg investieren.

Bisherige Fortschritte

Zwar zeichnen sich bereits vorläufige Zeitpläne ab, einen vollständig bestätigten oder endgültigen Zeitplan für die Umsetzung der DPP-Anforderungen gibt es jedoch noch nicht. Im Rahmen der EU-Verordnung über die umweltgerechte Gestaltung nachhaltiger Produkte wurden Eisen und Stahl als Zwischenprodukte als vorrangige Kategorien identifiziert. Das bedeutet, dass für diese beiden Materialien voraussichtlich die ersten detaillierten Vorschriften festgelegt werden.

Aktuelle Leitlinien deuten darauf hin, dass delegierte Rechtsakte für Eisen und Stahl ab 2026 eingeführt werden könnten, deren Einhaltung dann ab 2027 möglicherweise erforderlich wäre. In den Vorschlagsunterlagen hat die EU mögliche Datenkategorien für Stahl dargelegt. Dazu zählen die Identifizierung von Produkt und Hersteller, die Materialzusammensetzung und technische Daten, Umwelt- und Kreislaufwirtschaftsdaten sowie Angaben zu etwaigen bedenklichen Stoffen. Derzeit basiert die Ausrichtung jedoch weiterhin zum Großteil auf vorbereitenden Studien und Entwürfen, die noch weiter verfeinert werden müssen.

Die allgemeine Richtung ist allerdings bereits deutlich. Aufgrund ihrer Umweltauswirkungen und ihrer zentralen Rolle in den Lieferketten der Industrie werden Eisen und Stahl priorisiert. Die ersten Anforderungen werden sich voraussichtlich auf Energieeffizienz und Materialtransparenz konzentrieren. Angesichts dieser Entwicklung sollten Fertigungsunternehmen es vermeiden, ihre Pläne an feste Termine zu binden. Stattdessen sollten sie sich einen Überblick darüber verschaffen, welche Daten bereits verfügbar sind, wie diese strukturiert werden können und wo noch Lücken bestehen.

Am Scheideweg

Im Kern ist die DPP eine Nachhaltigkeitsinitiative. Durch effizientere Wiederaufbereitung, erleichterte Anwendungen im Rahmen der Zweitverwertung und verbesserte Recycling-Ergebnisse unterstützt sie eine effizientere Nutzung von Ressourcen. Dennoch sollte die DPP nicht nur als Aufgabe der Nachhaltigkeitsmanager, sondern als Aufgabe des gesamten Unternehmens betrachtet werden. In der Realität wird sie an der Schnittstelle mehrerer Unternehmensfunktionen angesiedelt sein.

Um zu ermitteln, welche Datenarten erforderlich sind, müssen Compliance-Teams zunächst klären, welche Daten öffentlich geteilt werden können und sollten. IT-Teams müssen bewerten, inwiefern bestehende Systeme die Strukturierung, Speicherung und den Austausch von Daten unterstützen können. Darüber hinaus werden Betriebs- und Produktteams eine entscheidende Rolle dabei spielen, sicherzustellen, dass bereits an der Quelle genaue und konsistente Daten erfasst werden. Beschaffungsabteilungen müssen unter Umständen enger mit Lieferanten zusammenarbeiten, um die Transparenz in vorgelagerten Bereichen zu verbessern.

Insgesamt betrachtet ist die Digital Product Platform (DPP) weniger eine einzelne Initiative als vielmehr ein Wandel in der Art und Weise, wie Produktdaten unternehmensweit verwaltet, gesteuert und genutzt werden. Auch wenn sich die genauen Anforderungen noch weiterentwickeln, sind Unternehmen, die frühzeitig mit der Abstimmung dieser Funktionen beginnen, besser positioniert, um zu reagieren, sobald mehr Klarheit entsteht.

Um Fertigungsunternehmen bei der Vorbereitung auf die Anforderungen des Digital Product Passports (DPP) zu unterstützen, beteiligt sich Sandvik Coromant an der Kooperationsinitiative „Digital Metal Value Chain“, die vom Industrieforschungsinstitut Swerim koordiniert wird. In diesem Rahmen untersuchen die Partner gemeinsam, wie Produktdaten, beispielsweise zur Materialzusammensetzung, Umweltleistung und Produktkette, entlang der gesamten Stahl-Wertschöpfungskette strukturiert, ausgetauscht und in der Praxis angewendet werden können.

Als Pionier wartet man nicht die endgültige Verordnung ab, sondern testet Anwendungsfälle aus der Praxis, identifiziert Datenlücken und schafft durch praktische Pilotprojekte einen geschäftlichen Mehrwert aus bestehenden Produktdaten.

Fazit

Die DPP-Initiative der EU hat einen weitreichenden Anwendungsbereich und wird die Art und Weise, wie Fertigungsunternehmen Produkte entwerfen, dokumentieren und ausliefern, grundlegend verändern. Auch wenn die genauen Details noch ausstehen, ist es sinnvoll, sich bereits jetzt ein Bild davon zu machen, was eine verbesserte Rückverfolgbarkeit für Lieferketten bedeutet und wie sich diese in den täglichen Betrieb integrieren lässt. Unternehmen, die jetzt die Grundlagen schaffen, können den Übergang von reaktiver Compliance zu proaktiver Wertschöpfung vollziehen.

Quelle und Fotos: Sandvik Tooling Deutschland GmbH