Autor: von Alexander Kirschbaum

07.05.2018

Deutschen Schlüsselindustrien droht Strukturwandel

Die deutsche Wirtschaft ist im Konjunkturhoch, die Unternehmen blicken optimistisch in die Zukunft. Doch sie sind mit wachsenden Herausforderungen konfrontiert: Digitalisierung, Fachkräftemangel, nachlassende Innovationskraft sowie protektionistischen Tendenzen. Viele Unternehmen machen sich das laut einer aktuellen Roland Berger-Studie nicht rechtzeitig bewusst, bzw. sind darauf nicht ausreichend vorbereitet. Besonders betroffen seien die deutschen Vorzeigebranchen Automobil und Maschinenbau, so die Studie "Sturmtief voraus! Wo Unternehmen trotz guter Konjunktur mit sektoralen Krisen rechnen müssen".

"Die gute Konjunktur führt leicht zu Trägheit", sagt Falco Weidemeyer, Senior Partner bei Roland Berger und Leiter des Bereichs Corporate Performance. "Dabei sollten Unternehmen in guten Zeiten ihre Geschäftsmodelle hinterfragen, Business-as-usual ist gerade jetzt gefährlich."

Viele Industriebereiche stehen vor Strukturwandel

Davon sind auch die Studienteilnehmer überzeugt: Trotz guter Konjunktur glauben 88 Prozent der befragten Restrukturierungsexperten, dass ein branchenspezifischer Strukturwandel für Anpassungsbedarf sorgt. Dazu kommen der technologische Wandel (ca. 86%) und der globale Wettbewerb (75%). Vor allem deutsche Vorzeigeindustrien wie Automobil (ca. 95%), Anlagenbau (ca. 87%) und Handel (ca. 84%) werden Veränderungen stark zu spüren bekommen.

"Die Veränderungen bergen auch Wachstumschancen", sagt Sascha Haghani, Co-Geschäftsführer in der DACH-Region und globaler Leiter des Competence Center Restructuring und Corporate Finance von Roland Berger. "Allerdings gilt das nur für Unternehmen, die Entwicklungen aktiv mitgestalten. Doch genau das gelingt vielen Unternehmen noch nicht." Die Gründe: Managementfehler (90%), neue Wettbewerber (ca. 78%) sowie disruptive Technologien (ca. 74%).

Verschiedene Branchen – unterschiedliche Herausforderungen

In ihrer Studie haben die Experten von Roland Berger wichtige Industriebranchen in Deutschland genauer analysiert. Im Handel und Großhandel läuft der Umbruch der Studie zufolge schon länger, er ist aber bei Weitem noch nicht abgeschlossen. Disruptive digitale Entwicklungen haben vor allem die Geschäftsmodelle klassischer Händler erodiert. Hier heißt es schnell gegenzusteuern, um den Wettlauf um die Kunden nicht zu verlieren. Denn die wollen heute parallel über On- und Offline-Kanäle einkaufen. Bis 2022 werden die E-Commerce-Umsätze weltweit um 65 Prozent wachsen – auf rund 2,6 Billionen Dollar. Investitionen in digitale Technologien seien daher unerlässlich.

Automobilindustrie: Im Jahrhundertwandel

Trends wie E-Mobilität, autonomes Fahren oder neue Mobilitätskonzepte wie Car Sharing und Ride Hailing bedrohen zunehmend das traditionelle Geschäftsmodell der Autoindustrie, das bisher auf dem Verkauf von Fahrzeugen beruht. Die Branche muss sich laut den Roland Berger Experten umfassend für eine neue Generation von Mobilitätsnutzern öffnen und passende datengetriebene Geschäftsmodelle entwickeln. Dass hier Investitionen nötig sind, haben auch Venture Capital-Investoren erkannt: Ihre Investitionen in Mobilität stiegen von 2016 auf 2017 um 130 Prozent.

Energiewirtschaft: Sinkende Margen, hohe Verschuldung

Die Energieversorger kämpfen seit Jahren mit sinkenden Gewinnmargen im Erzeugungsgeschäft. Waren es vor zehn Jahren noch über 20 Prozent (EBITDA), sind es heute nur noch 6 Prozent. Dazu kommt eine hohe Verschuldung: Jedes fünfte Unternehmen ist bereits nicht mehr kreditwürdig. Zwar hat die Branche bereits reagiert, doch Trends wie eine zunehmend dezentralisierte Energieerzeugung, die Abkehr von fossilen Brennstoffen oder die Sektorenkopplung erfordern der Studie zufolge weitere Anpassung. Netzbetreiber sollten neue Geschäftsfelder erschließen, etwa Ladeinfrastrukturen, dezentrale Erzeugungstechniken und Mobilitätsplattformen.

Maschinenbau: Trügerische Sicherheit durch gute Lage

Die zahlreichen Hidden Champions des deutschen Maschinenbaus sind relativ gut durch vergangene Krisen gekommen. Auch im aktuell schwierigen politischen und wirtschaftlichen Umfeld behauptet sich die Branche weiter. Doch der Druck steigt: Abnehmer brauchen weniger Kapazitäten, Additive Manufacturing und neue Wettbewerber nehmen Marktanteile weg. Potenzial bieten Service-Angebote und neue Einsatzbereiche für vorhandene Technologien. Dafür braucht es eine gute Datenbasis und entsprechende Ressourcen, so die Roland Berger-Studie.

Quelle und Grafik: Roland Berger