Deutsche Wirtschaft steckt in einer Doppelkrise
von Hubert Hunscheidt
An der Erhebung beteiligten sich mehr als 23.000 Unternehmen aus nahezu allen Branchen und Regionen. Hatte sich Anfang 2026 noch eine wirtschaftliche Erholung angedeutet, machen die aktuellen Antworten diese Hoffnung zunichte: Von den Erwartungen bis hin zu den Beschäftigungsplänen zeigen sämtliche Indikatoren nach unten. Der DIHK-Stimmungsindex, der Geschäftslage und -erwartungen als geometrisches Mittel zusammenführt, fällt von zuletzt 95,9 Punkten auf nunmehr nur noch 88,1 Punkte.
Wesentliche Ergebnisse
- Aktuelle Geschäftslage: Die Geschäftslage verschlechtert sich gegenüber der Vorumfrage von Jahresbeginn 2026 deutlich: Nur noch 23 % der Betriebe bewerten ihre aktuelle Geschäftslage als "gut", 26 % als "schlecht". Der Saldo aus diesen Einschätzungen sinkt um 4 Punkte auf minus 3 Punkte – den niedrigsten Wert seit der Corona-Pandemie.
- Geschäftserwartungen: Die Geschäftserwartungen brechen ein. 33 % der Unternehmen rechnen in den kommenden zwölf Monaten mit schlechteren Geschäften, nur 13 % mit besseren. Der Saldo der Geschäftserwartungen fällt gegenüber dem Jahresbeginn um 11 Punkte auf minus 20 Punkte – damit liegt er 22 Punkte unter seinem langjährigen Durchschnitt.
- Geschäftsrisiken: Das mit Abstand am häufigsten genannte Geschäftsrisiko sind im Frühsommer die Energie- und Rohstoffpreise (70 %, zuvor 48 %). Auf hohem Niveau bleiben die Faktoren wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen (58 %), Arbeitskosten (57 %) sowie die schwache Inlandsnachfrage (56 %).
- Exporterwartungen: Die Exporterwartungen der Industrie trüben sich angesichts von Lieferkettenstörungen und einer gebremsten Weltkonjunktur merklich ein: 29 % der Unternehmen rechnen mit sinkenden Ausfuhren, nur 19 % mit steigenden. Der Saldo fällt von 0 auf minus 10 Punkte.
- Investitionsabsichten: Die Investitionsabsichten der Betriebe verschlechtern sich weiter. Nur 23 % planen mit erhöhten Budgets, 34 % wollen ihre Investitionen verringern. Der resultierende Saldo sinkt von minus 8 auf minus 11 Punkte – der niedrigste Wert seit der Corona-Pandemie.
- Beschäftigungsabsichten: Die anhaltende wirtschaftliche Schwächephase schlägt weiter auf die Beschäftigungspläne durch. Nur 10 % der Betriebe planen, ihren Personalbestand auszuweiten, 24 % gehen von einem Rückgang aus. Der Saldo liegt mit minus 14 Punkten (Vorumfrage minus 11 Punkte) ebenfalls auf dem tiefsten Stand seit Corona.
Aktuelle Geschäftslage
Die Stimmung unter Deutschlands Unternehmen hat sich im Frühsommer 2026 auf breiter Front eingetrübt. 26 Prozent der Betriebe melden eine schlechte, nur noch 23 Prozent eine gute Geschäftslage. Der Lagesaldo sinkt mit minus 3 Punkten erstmals seit der Corona-Pandemie wieder unter die Nulllinie und liegt weit unter dem langjährigen Durchschnitt von plus 19 Punkten.
Besonders dramatisch ist die Lage im Handel: Hier bricht der Saldo auf minus 21 Punkte ein (zuvor minus 14 Punkte). Bei den Dienstleistern ist die Einschätzung mit einem Saldo von plus 3 Punkten noch knapp positiv, auch wenn sie sich spürbar verschlechtert hat.
Geschäftserwartungen
Auch der Blick nach vorne hat sich massiv verdüstert. 33 Prozent der Unternehmen rechnen für die nächsten zwölf Monate mit schlechteren Geschäften; nur 13 Prozent erwarten eine Verbesserung. Der Saldo der Geschäftserwartungen fällt um 11 Punkte auf minus 20 Punkte – das sind 22 Punkte weniger als der langjährige Durchschnitt.
Am pessimistischsten blickt der Handel in die Zukunft (Saldo: minus 31 Punkte). In der Industrie (Saldo: minus 16 Punkte) sind die Erwartungen noch etwas weniger trüb als in anderen Branchen, jedoch fällt hier der Einbruch gegenüber der Vorumfrage mit minus 12 Punkten besonders stark aus.
Geschäftsrisiken
Der Nahost-Konflikt rückt wieder neue Risiken in den Vordergrund. Das Geschäftsrisiko Energie- und Rohstoffpreise schnellt von 48 auf 70 Prozent, landet damit auf Platz eins der aktuell wahrgenommenen Risiken und liegt nur noch wenig unter dem absoluten Höchststand, der in der Energiepreiskrise nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine erreicht wurde (82 Prozent im Herbst 2022).
Gleichzeitig bleiben die strukturellen Risiken groß: Die Faktoren Arbeitskosten (57 Prozent nach zuvor 59 Prozent) und Inlandsnachfrage (56 Prozent nach 59 Prozent) verlieren nur minimal an Bedeutung; unverändert 58 Prozent der Befragten nennen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen.
Exporterwartungen der Industrieunternehmen
Die ersten Anzeichen einer Exporterholung zu Jahresbeginn hat der Nahost-Schock zunichte gemacht: 29 Prozent der Industrieunternehmen rechnen aktuell mit rückläufigen Ausfuhren, nur 19 Prozent mit steigenden. Der Saldo fällt von 0 auf minus 10 Punkte. Besonders stark trifft es die Gummi- und Kunststoffindustrie (Saldo: minus 15 Punkte). Als Ausnahmen erweisen sich die Pharmaindustrie (Saldo: plus 16 Punkte) sowie der Kraftfahrzeugbau, bei dem Konsolidierungsbemühungen erste Früchte tragen (Saldo: 0 Punkte).
Investitionsabsichten
In diesem Umfeld planen 34 Prozent der Unternehmen (zuvor 31 Prozent), ihre Investitionsbudgets zu kürzen. Nur 23 Prozent wollen investieren. Der Saldo sinkt von minus 8 auf minus 11 Punkte. Bereits seit Herbst 2023 sind die Investitionspläne durchgängig negativ.
Dabei stehen die Zeichen auf Substanzerhalt statt auf Wachstum: Das wichtigste Investitionsmotiv bleibt der Ersatzbedarf – mit 67 Prozent auf einem Höchststand. Kapazitätserweiterungen planen hingegen nur noch 19 Prozent der Betriebe – ein niedrigeres Niveau wurde nur zur Finanzkrise im Herbst 2009 gemessen (damals 16 Prozent).
Beschäftigungsabsichten
Auch bei der Beschäftigung ist keine Trendwende in Sicht. 24 Prozent der Betriebe rechnen mit einem Personalabbau, nur 10 Prozent wollen einstellen. Der Saldo sinkt auf minus 14 Punkte – ebenfalls der niedrigste Wert seit der Pandemie. Besonders hart trifft es die Industrie (minus 20 Punkte) und den Handel (minus 20 Punkte).
Entsprechend verliert der Fachkräftemangel vorübergehend als Risikofaktor an Bedeutung: Nur noch 36 Prozent der Unternehmen sehen in der Verfügbarkeit qualifizierten Personals ein Problem (langjähriger Schnitt: 45 Prozent) – ein Spiegelbild der schwachen Arbeitskräftenachfrage.
DIHK Prognose
Die DIHK schraubt ihre Wachstumserwartung für das Jahr 2026 auf 0,3 Prozent herunter. Nach ihrer Einschätzung muss die Bundesregierung nun die richtigen Prioritäten setzen und mutige Reformen aufsetzen. Nur mit Entlastungen, Bürokratieabbau und Beschleunigung kommt die Wirtschaft zurück auf einen nachhaltigen Wachstumspfad mit sicheren Arbeitsplätzen, höherer Wettbewerbsfähigkeit und zunehmendem Wohlstand.
Quelle: DIHK / Foto: marketSTEEL