Böntgen & Partner: Stahlhandel zwischen KI und People-Business
von Hubert Hunscheidt
Stahlhandel, Service-Center und Verarbeiter müssen derzeit an mehreren Fronten gleichzeitig reagieren. Schwankende Märkte treffen auf Kostendruck und neue regulatorische Anforderungen, während Digitalisierung und künstliche Intelligenz zunehmend in Prozesse und Vertrieb eingreifen. Für Dietrich Böntgen, Geschäftsführer der Böntgen & Partner Consulting GmbH, kommt es deshalb vor allem darauf an, Beschaffung und Absatz enger miteinander zu verzahnen.
Das Beratungsunternehmen hat sich auf die Stahl- und Metallbranche spezialisiert. Zum Leistungsspektrum gehören unter anderem Standort- und Infrastrukturfragen, Lagerlogistik und Anarbeitung, Vertrieb und Marktausbau, Restrukturierung, M&A sowie Interim Management. Böntgen bringt nach eigenen Angaben mehr als 30 Jahre Erfahrung in Vertrieb, Lagerlogistik und Restrukturierung der Stahl- und Metallbranche mit.
Bestände und Liquidität vorausschauend steuern
Eine der größten Herausforderungen unter den aktuellen Gegebenheiten sieht Böntgen derzeit in der Beschaffungs- und Absatzplanung. Unternehmen müssten Bestände und Liquidität konsequenter steuern und gleichzeitig politische und regulatorische Entwicklungen im Blick behalten. „Dabei ist die Kunst aus vielen Parametern die richtigen Schlüsse gezogen werden“, sagt Böntgen. Dazu zählt er unter anderem Zölle, Safeguards, CBAM und politische Entwicklungen. Ziel müsse es sein, Beschaffung und Absatz trotz dieser Einflussfaktoren möglichst gut in Einklang zu bringen. Teilweise sind die auf Produkttebene völlig unterschiedlich zu bewerten
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: künstliche Intelligenz. Nach Einschätzung Böntgens wird der zunehmende KI-Einsatz auch Auswirkungen auf die Personalstrukturen der Unternehmen haben. Wer diese unterschiedlichen Themen beherrsche, könne flexibler auf Veränderungen in der Stahl- und Metallbranche reagieren.
Betriebsblindheit kostet Potenzial
Ungenutzte Möglichkeiten sieht Böntgen sowohl innerhalb der betrieblichen Prozesse als auch im Vertrieb. Gerade gewachsene Abläufe würden häufig nicht grundsätzlich hinterfragt: „Die Prozesskette wird häufig nur oberflächlich betrachtet. Durch eine ganz natürliche Betriebsblindheit bleiben Optimierungsmöglichkeiten ungenutzt“, sagt Böntgen. Technische und digitale Entwicklungen eröffneten hier zusätzliche Möglichkeiten, bestehende Abläufe effizienter zu gestalten.
Das betrifft beispielsweise Lagerlogistik und Materialfluss ebenso wie Anarbeitung, Datenverfügbarkeit und die Verzahnung unterschiedlicher Unternehmensbereiche. Entscheidend sei dabei nicht allein, neue Technik einzusetzen, sondern bestehende Prozesse zunächst auf ihre tatsächliche Effizienz zu überprüfen
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Digitalisierung ersetzt das People-Business nicht
Auch im Vertrieb sieht Böntgen Digitalisierung und KI nicht als Ersatz für persönliche Geschäftsbeziehungen. Gerade der Stahlhandel sei weiterhin stark durch langjährige Kontakte, Marktkenntnis und persönliche Beratung geprägt. „Auf der Vertriebsseite kommt es auf die richtige Mischung aus digitalen und KI-gestützten Möglichkeiten und dem persönlichen People-Business an“, sagt Böntgen. Gleichzeitig gewinne fachliche Kompetenz an Bedeutung – und diese sei seiner Erfahrung nach zunehmend schwieriger zu finden.
Genau in dieser Verbindung sieht er auch einen wesentlichen Faktor für die künftige Wettbewerbsfähigkeit der Branche. Konsolidierung, Kostendruck und Digitalisierung dürften den Stahlhandel weiter verändern. Erfolgreich werden nach seiner Einschätzung vor allem diejenigen Unternehmen sein, die nicht versuchen, sich zwischen persönlichem Vertrieb und Digitalisierung zu entscheiden. „Behaupten werden sich die Unternehmen, die die richtige Mischung aus dem weiterhin wichtigen People-Business, Fachkompetenz und Digitalisierung finden – sowohl im Vertrieb als auch bei den Prozessen“, fasst Böntgen zusammen.
Damit wird Digitalisierung im Stahlhandel weniger zur Frage, ob persönliche Geschäftsbeziehungen künftig noch gebraucht werden. Entscheidend dürfte vielmehr sein, welche Aufgaben digitale Systeme und KI übernehmen können – und an welchen Stellen Erfahrung, Marktkenntnis und persönliche Beziehungen ihren Wert behalten.
Quelle und Foto: Böntgen & Partner Consulting GmbH