Wie gewonnen, so zerronnen – Kokskohlepreise im Sinkflug

von Dagmar Dieterle

In derselben atemberaubenden Geschwindigkeit, in der die internationalen Notierungen für Kokskohle bis November 2016 gestiegen sind, haben sie sich in den vergangenen Wochen wieder verbilligt. Trotz der im Vergleich zu November höheren Eisenerzpreise sind die Rohstoffkosten für die Stahlherstellung via Hochofenroute unter dem Strich spürbar gesunken. Ob und wann dies zu wieder sinkenden Flachstahlpreisen führt, ist aber offen. Denn die Versorgungslage bleibt in Teilen des Marktes angespannt, nicht zuletzt aufgrund der weiter harten Antidumping-Linie der EU-Kommission.

Die Explosion der Spotmarktpreise für Kokskohle von ca. 95,- $/t im Juli bis auf ca. 310,- $/t im November war ein wesentlicher Faktor für den steilen Anstieg der Flachstahlpreise in den letzten Wochen des Jahres 2016. Seit Mitte Dezember hat der Wind aber wieder gedreht. Fast täglich wurden deutliche Preisreduzierungen gemeldet, die sich in den ersten Wochen des neuen Jahres fortsetzten. Zuletzt sank der Spotmarktpreis für hochwertige Qualitäten unter 180,- $/t ab Australien. Zu den Preisrückgängen hat wesentlich die zuvor getroffene Entscheidung der chinesischen Behörden beigetragen, die verordneten Restriktionen bei der Kohleförderung teilweise wieder aufzuheben. Die chinesische Kohleförderung stieg im November auf ein Jahreshoch. Auch eine wieder verbesserte Lieferfähigkeit der australischen Minen und der Rückzug von spekulativen Käufern waren wichtige Faktoren.

Vergleicht man die Mitte November erzielten Preise für Kokskohle mit den aktuellen Werten, ergibt sich daraus eine Verbilligung der Roheisenerzeugung um mehr als 60,- €/t. Dies ist eine gewaltige Entlastung. Für eine volle Entwarnung ist es dennoch etwas zu früh. Denn sowohl extreme Wettereinflüsse als auch die in China im Winter häufig vorkommenden Produktionsbeschränkungen könnten die Kokskohlepreise im ersten Quartal nochmals steigen lassen. Aber es müssten viele Faktoren zusammenkommen, damit das November-Niveau erneut erreicht wird.

Zudem muss berücksichtigt werden, dass bei Kokskohle neben den täglichen Spotmarktpreisen auch für Quartalsverträge geltende Richtpreise zur Anwendung kommen. Der zwischen australischen Kohlefördern und japanischen Stahlwerken ausgehandelte Richtwert für hochwertige Kokskohlesorten blieb im 4. Quartal 2016 mit 200,- $/t fob Australien weit hinter den im selben Quartal gehandelten Spotmarktwerten zurück. Umgekehrt stellt sich die Preisrelation für das 1. Quartal 2017 dar. Der vereinbarte Richtpreis von 285,- $/t liegt weit oberhalb der zuletzt festgestellten Spotmarktpreise. Die Kostenentlastung bei Kokskohle kommt bei vielen Stahlwerken auch deshalb nicht in vollem Umfang an, da die Eisenerzpreise aktuell weiter um ca. 10% höher liegen als im November 2016.

 

Unter dem Strich hat sich in den vergangenen Wochen dennoch auf der Flachstahlseite bereits eine spürbare Kostenentlastung eingestellt. Insgesamt niedrigere Rohstoffkosten und eine zuletzt nachlassende Dynamik am Weltmarkt sprechen zunächst einmal dafür, dass am europäischen Markt die Flachstahlpreise bereits nahe am zyklischen Höhepunkt angelangt sein könnten. Wenigstens sollte sich der starke Preisanstieg von Ende 2016 nicht fortsetzen.

Neben den Rohstoffkosten spielt aber auch die Angebots-Nachfrage-Relation eine große Rolle für die weitere Preisentwicklung. Die Lieferzeiten der Werke sind im Flachstahlbereich derzeit lange. Dazu sorgt die Furcht vor den schwer kalkulierbaren Auswirkungen der umfassenden EU-Antidumpingmaßnahmen für große Verunsicherung. Diese setzt unterdessen ihre harte Linie fort. Am 09.12.2016 wurde ein neues Verfahren gegen die Einfuhr von „bestimmten korrosionsbeständigen Stählen“ mit Ursprung in China eröffnet. Betroffen sind vor allem zink- oder aluminiumbeschichte Flacherzeugnisse. Im noch laufenden Verfahren gegen Warmbreitbandeinfuhren aus verschiedenen Ländern hat die EU-Kommission kürzlich eine Registrierungspflicht für Einfuhren aus Russland und Brasilien verfügt. Dies deutet darauf hin, dass die für Ende März zu erwartende vorläufige Entscheidung eine rückwirkende Verhängung von Zöllen beinhalten wird. 

Mittlerweile ist fast der gesamte Flachstahlmarkt der EU von Antidumping-Aktivitäten betroffen. Da es eine solche Situation bisher noch nie gab, sind die Auswirkungen auf Versorgung und Preise schwer abzusehen. Bei verzinktem Material ist die Sorge nicht unbegründet, dass es am EU-Markt durch ein Wegbrechen der Lieferungen aus China und fehlende Alternativen zu einem echten Versorgungsengpass kommen könnte. Die Einfuhr von verzinkten Blechen aus China in die EU lag bis Oktober 2016 bei ca. 2,1 Mio. Tonnen.  

Zu größeren Preissenkungen wird es erst dann kommen, wenn sich die Angebots-Nachfrage-Relation entspannt und sich die Rohstoffkosten über einen längeren Zeitraum ermäßigen. Wann dieser Punkt erreicht wird, kann niemand verlässlich sagen. Es ist aus heutiger Sicht wenig wahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen, dass dies noch im ersten Quartal geschieht. 

Bei den im Elektroofen hergestellten Langprodukten läuft das Kostenargument aktuell in die entgegengesetzte Richtung. Die Schrottpreise steigen im Januar san. Entsprechend ist es wahrscheinlich, dass die Spotmarktpreise für die betroffenen Stahlerzeugnisse in den kommenden Wochen ebenfalls anziehen werden.

 

Der Beitrag stammt vom Leverkusener Stahlmarkt-Berater Andreas Schneider, StahlmarktConsult. Foto: StahlmarktConsult

Der Gastkommentar spiegelt die Meinung des Autors wider, nicht notwendigerweise die der Redaktion von marketSTEEL.

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