„Wasserstoff bleibt komplex“ – VNG über Energiemärkte, Regulierung und den Reality Check der Transformation
von Dagmar Dieterle-Witte
Die VNG mit Hauptsitz in Leipzig zählt zu den führenden Unternehmensgruppen der europäischen Gas- und Energiebranche. Der Konzernverbund ist entlang der gesamten Wertschöpfungskette aktiv – von Handel und Vertrieb über Transport und Speicher bis hin zu Biogas und Wasserstoffprojekten. Im Zuge der Energiewende treibt VNG insbesondere den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft sowie die Transformation bestehender Gasinfrastrukturen voran.
marketSTEEL sprach mit Alexander Lück, Executive Vice President Sales & Marketing der VNG Handel & Vertrieb GmbH, eine hundertprozentige Tochter der VNG AG, über die aktuelle Lage an den Energiemärkten, die Entwicklung des Erdgasmarktes und die Herausforderungen beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft.
marketSTEEL: Herr Lück, wie schätzen Sie aktuell die Lage an den Energiemärkten ein – insbesondere mit Blick auf Erdgas?
Der Iran-Konflikt dominiert derzeit die Energiemärkte. Im Ölmarkt sehen wir inzwischen sehr starke automatisierte Handelsmechanismen und Algorithmen, die politische Nachrichten sofort verarbeiten. Im Gasmarkt ist dieser Einfluss noch geringer, dort spielt menschliche Bewertung weiterhin eine größere Rolle.
Fundamental gibt es zudem Unterschiede zwischen Öl und Gas. Trotz geopolitischer Risiken bleibt Gas im Verhältnis zu Öl noch vergleichsweise günstig. Das hängt vor allem mit einer rückläufigen Nachfrage in Asien zusammen – insbesondere in China, Korea, Japan, Pakistan und Indien. Dort haben hohe Preise und der Ausbau erneuerbarer Energien zu einem geringeren Gasbedarf geführt. Europa war deshalb bislang nicht mit gravierenden Mengenengpässen konfrontiert.
marketSTEEL: Welche Rolle spielt dabei die Industrie?
Die Industrie ist der entscheidende Faktor. Privathaushalte reagieren kurzfristig kaum auf Preisänderungen, weil viele Verbraucher über langfristige Tarife abgesichert sind. In der Industrie dagegen führen höhere Energiepreise unmittelbarer zu Produktionsanpassungen oder Abschaltungen. Gerade energieintensive Branchen wie die Stahlindustrie stehen dabei im Fokus.
marketSTEEL: Wie bewerten Sie aktuell die Versorgungslage beim Erdgas?
Die aktuelle Versorgungslage ist grundsätzlich stabil. Entscheidend wird jedoch die Speicherbefüllung für den kommenden Winter sein. Dabei ist weniger das absolute Preisniveau ausschlaggebend, sondern die Differenz zwischen Sommer- und Winterpreisen. Diese Spreads sind momentan nicht attraktiv genug, um starke Einspeicheranreize zu schaffen. Deshalb beobachten wir die Entwicklung sehr genau. Politik und Regulierung haben allerdings aus den Krisenjahren gelernt und inzwischen marktbasierte Instrumente geschaffen, um die Versorgungssicherheit besser abzusichern.
marketSTEEL: Kommen wir zum Thema Wasserstoff: Wie fällt Ihr Reality Check aus?
Beim Wasserstoff muss man mehrere Ebenen unterscheiden. Positiv ist zunächst, dass sich infrastrukturell tatsächlich etwas bewegt. Das Wasserstoff-Kernnetz wird gebaut, erste umgerüstete Leitungen sind bereits in Betrieb, ebenso erste Speicherprojekte. Auch internationale Transportprojekte – etwa Pipelinevorhaben aus Südeuropa – werden vorangetrieben.
Gleichzeitig bleibt der Markt extrem komplex und stark reguliert. Die Anforderungen an Grünen Wasserstoff sind hoch und führen zu erheblichen Mehrkosten. In Deutschland kann beispielsweise nicht einfach grüner Strom aus dem Netz genutzt werden. Stattdessen sind zusätzliche PPAs erforderlich, was die Kosten deutlich erhöht. Länder wie beispielsweise Dänemark haben hier regulatorische Vorteile und können Grünen Wasserstoff bereits heute günstiger produzieren.
marketSTEEL: Wo liegen derzeit die größten Herausforderungen?
Die größte Herausforderung ist die Komplexität der gesamten Wertschöpfungskette. Beim Import von Wasserstoff oder Ammoniak greifen mehrere technische und politische Risiken ineinander: Produktion im Ausland, Transport, Hafenlogistik, Ammoniak-Cracking-Anlagen, Pipelines und industrielle Abnahme müssen gleichzeitig funktionieren. Schon Verzögerungen in einzelnen Projekten können komplette Lieferketten verschieben.
Hinzu kommt die Regulierung. Viele Projekte sind an feste Fristen und Förderbedingungen gekoppelt, obwohl die technologischen und infrastrukturellen Voraussetzungen oft noch gar nicht vollständig geklärt sind. Das führt zwangsläufig zu Verzögerungen.
marketSTEEL: Welche Rolle kann Erdgas in dieser Transformationsphase spielen?
Aus unserer Sicht wäre mehr Pragmatismus sinnvoll. Erdgas ist eine wichtige Brückentechnologie. Gerade bei Direktreduktionsprozessen in der Stahlindustrie lassen sich bereits heute erhebliche CO₂-Einsparungen erzielen. Statt ausschließlich auf Grünen Wasserstoff zu warten, sollte man stärker hybride Lösungen zulassen – also Kombinationen aus Erdgas und Wasserstoff.
Wenn wir früher konsequenter auf Erdgas als Übergangstechnologie gesetzt hätten, hätten wir bereits deutlich mehr CO₂ einsparen können. Die Sorge vor sogenannten Lock-in-Effekten hat aus meiner Sicht viele sinnvolle Schritte unnötig verzögert. Technologien entwickeln sich weiter – und sobald Grüner Wasserstoff wirtschaftlich wettbewerbsfähig wird, wird er sich auch durchsetzen.
marketSTEEL: Wie geht VNG aktuell mit dieser Situation um?
Wir konzentrieren uns zunehmend auf kleinere, realistisch umsetzbare Wasserstoffprojekte. Weg von der ganz großen Vision einer sofortigen Komplettumstellung, hin zu konkreten industriellen Anwendungen mit praktikablen Lösungen. Häufig arbeiten wir dabei mit Kombinationen aus Wasserstoff und Erdgas, um Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit gleichzeitig sicherzustellen. Gerade im industriellen Mittelstand sehen wir dafür interessante Ansätze.
Fotos: VNG Handel & Vertrieb GmbH