„Biomethan ist verfügbar“ – VNG über Potenziale des erneuerbaren Gases bei der Dekarbonisierung

von Dagmar Dieterle-Witte

Die VNG Handel & Vertrieb GmbH (VNG H&V) gehört innerhalb des VNG-Konzernverbunds zu den zentralen Akteuren für Erdgas-, Biomethan- und Wasserstofflösungen in Deutschland und Europa. Das Biogas- bzw. Biomethangeschäft ist im VNG-Konzern entlang der Wertschöpfungskette aufgestellt: Während die Balance Erneuerbare Energien GmbH Biogas und Biomethan produziert und die bmp greengas GmbH auf die Vermarktung von Biomethan spezialisiert ist, übernimmt die VNG H&V den Handel und die Integration in Kundenlösungen. Gemeinsam bilden die drei Unternehmen das Biogas und Biomethan-Know-how des VNG-Konzerns ab.

Im Gespräch mit marketSTEEL erläutert Alexander Lück, Executive Vice President Sales der VNG H&V, welche Rolle Biomethan aktuell bei der Dekarbonisierung der Industrie spielt – und warum der Markt trotz großer Chancen an natürliche und regulatorische Grenzen stößt.

 

marketSTEEL: Herr Lück, welche Rolle spielt Biomethan aktuell bei der Dekarbonisierung der Industrie?

Biomethan spielt schon heute eine wichtige Rolle bei der Dekarbonisierung der Industrie, nämlich da, wo hohe Prozesswärme benötigt wird und eine Elektrifizierung technisch oder wirtschaftlich nur schwer möglich ist. Hier kann es fossiles Erdgas direkt ersetzen, ohne dass bestehende Gasinfrastrukturen oder Industrieanlagen grundlegend umgebaut werden müssen.

Im Unterschied zu vielen anderen regenerativen Alternativen handelt es sich nicht um eine Zukunftstechnologie, sondern um einen unmittelbar nutzbaren Energieträger. Gerade deshalb spielt Biomethan derzeit eine wichtige Rolle bei der industriellen Dekarbonisierung.

Allerdings ist der Markt reguliert und die Anforderungen komplex. Es existieren zahlreiche Qualitäts- und Zertifizierungsstufen, sodass Unternehmen genau prüfen müssen, welche Biomethanqualität für ihre Anforderungen wirtschaftlich und regulatorisch sinnvoll ist. Anders als beim klassischen Erdgas ist daher eine individuelle Produktberatung notwendig.

 

marketSTEEL: Wie ist VNG in diesem Bereich aufgestellt?

Wir verfügen innerhalb des Konzernverbunds über eine starke Position entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Die BALANCE, eine 100%ige-Tochter der VNG AG zählt mit  über 40 Biogasanlagen zu den führenden Betreibern Deutschlands, gleichzeitig ist bmp greengas einer der größten Vermarkter für Biomethan in Europa und einer der wichtigsten Akteure für regenerative Gase. Dadurch können wir Erdgas-, Biomethan- und perspektivisch auch Wasserstofflösungen miteinander kombinieren und auf industrielle Anforderungen abstimmen.

 

marketSTEEL: Ist ausreichend Biomethan für die Industrie verfügbar?

Ja, Biomethan kann schon heute je nach Anforderungen in vielen Einsatzbereichen wie der Industrie einen wichtigen Beitrag leisten. Perspektivisch bietet die Branche erhebliches Ausbaupotenzial, insbesondere wenn vorhandene Ressourcen konsequent erschlossen und genutzt werden.

So könnten neben den aktuell eingespeisten Mengen außerdem weitere rund 100 TWh Biogas in Deutschland erzeugt und direkt vor Ort genutzt werden, ohne Einspeisung ins Gasnetz. Hier liegt ein wesentlicher Hebel, um zusätzliche Biomethanmengen für den Markt verfügbar zu machen.

Weitere Chancen liegen in der Nutzung von Reststoffen und Biomasse, die von verschiedenen Sektoren nachgefragt werden. Um diese Potenziale zu heben, braucht es vor allem verlässliche Rahmenbedingungen, die Investitionen erleichtern und den Ausbau beschleunigen.

Durch die Optimierung bestehender Anlagen, Bau neuer Biomethan-Anlagen und gezielte politische Impulse kann der Beitrag von Biomethan zur Dekarbonisierung deutlich ausgeweitet werden. Während im Jahr 2025 rund 13 TWh Biomethan in das deutsche Gasnetz eingespeist wurden, zeigen aktuelle Analysen, dass bis 2030 ein Anstieg auf 30-40 TWh möglich ist. Dies entspricht einer Steigerung um etwa 130 Prozent bis über 200 Prozent gegenüber dem heutigen Niveau.

 

marketSTEEL: Gibt es regionale Unterschiede?

Ja, durchaus. In Ostdeutschland existieren aufgrund der größeren landwirtschaftlichen Strukturen häufig größere und effizientere Biogasanlagen. In Süddeutschland – etwa in Baden-Württemberg – dominieren dagegen kleinere, familiengeführte Anlagen, die wirtschaftlich teilweise stärker unter Druck stehen.

Auch auf europäischer Ebene gewinnt Biomethan an Bedeutung. Im Rahmen des RepowerEU-Plans soll die Produktion bis 2030 massiv ausgeweitet werden. Viele Mitgliedstaaten wie Frankreich, Italien und Teile Osteuropas treiben den Ausbau bereits aktiv voran. Diese Dynamik eröffnet zusätzliche Potenziale und stärkt perspektivisch auch die Verfügbarkeit von Biomethan im europäischen Markt.

 

marketSTEEL: Welche Bedeutung kann Biomethan für energieintensive Industrien wie Stahl oder Chemie haben?

Biomethan spielt aus unserer Sicht eine ergänzende Rolle. Für große Verbraucher, wie Stahlwerke oder Chemieanlagen sind beim weiteren Ausbau zusätzliche Mengen entscheidend. Gleichzeitig können kleinere Beimischungen von ein bis drei Prozent bereits kurzfristig dazu beitragen, CO₂-Emissionen zu reduzieren und erste Transformationsschritte umzusetzen.

Entscheidend bleiben dabei die Verfügbarkeit und Preisentwicklung. Mit steigenden Dekarbonisierungsanfordengen – beispielsweise im Kraftstoffsektor – dürfte auch die Nachfrage nach Biomethan weiter steigen. Dadurch könnte sich der Markt künftig deutlich verändern.

 

Fotos: VNG Handel & Vertrieb GmbH