Vom Stahl zum Aluminium: Steel Dynamics setzt auf bewährte Technologie und Recycling

von Dagmar Dieterle-Witte

Mit einem neuen Aluminiumflachwalzwerk in Columbus, Mississippi, erschließt Steel Dynamics einen weiteren Geschäftsbereich. Die SMS group liefert wesentliche Teile der Anlagentechnik. Im Interview mit marketSTEEL erläutert Michael Schäfer, Diplom-Wirtschaftsingenieur [TS1] bei SMS group, die technologischen Besonderheiten des Projekts, Herausforderungen beim Anlagenbau und die Bedeutung des Aluminiumrecyclings.

Steel Dynamics ist in der Stahlindustrie längst eine etablierte Größe. Mit seiner Tochtergesellschaft Aluminium Dynamics ist der US-Konzern nun auch im Aluminiummarkt aktiv. In Columbus, Mississippi, hat Aluminium Dynamics ein Aluminiumflachwalzwerk errichtet, das inzwischen in Betrieb ist und jährlich bis zu 650.000 Tonnen Aluminiumblech für unterschiedliche Anwendungen produzieren soll. Zu den Zielmärkten zählen insbesondere die Getränkeverpackungs- und Automobilindustrie.

Die SMS group hat mit sämtlichen Warm- und Kaltwalzanlagen, den Bundlogistiksystemen sowie einer Beschichtungslinie die wesentlichen Anlagen der Prozesskette geliefert. Dabei setzte der Anlagenbauer auf bewährte Walzwerkstechnologien, moderne Automatisierung und eine auf die Produktionsabläufe abgestimmte Werksplanung. Welche Herausforderungen ein solches Großprojekt mit sich bringt und warum der Zugang zu Aluminiumschrott eine entscheidende Rolle spielt, erklärt Michael Schäfer im Gespräch mit marketSTEEL.

„Die Anlagenkonfiguration folgt etablierten Standards “

marketSTEEL: Die SMS group ist beim neuen Aluminiumflachwalzwerk von Aluminium Dynamics in Columbus mit den wesentlichen Teilen der Prozesskette beteiligt. Was macht dieses Projekt technologisch besonders?

Michael Schäfer: Zunächst einmal handelt es sich um ein sehr modernes Werk mit aktuellster Anlagentechnik und Automatisierung. Ein wesentlicher Vorteil besteht darin, dass die gesamte Anlage auf der grünen Wiese geplant werden konnte. Dadurch lassen sich insbesondere die innerbetrieblichen Logistik- und Produktionsabläufe von Anfang an optimieren. Historisch gewachsene Werke müssen hier häufig mit Kompromissen leben.

Rein prozesstechnologisch nutzt das neue Werk bewährte Technologien, die wir bereits vielfach an anderer Stelle erfolgreich eingesetzt haben.

Das Werk ist auf die Produktion von Aluminiumflachprodukten für Getränkedosen und Automobilanwendungen ausgelegt. Gerade bei Getränkedosen sind die Fertigungsschritte im Walzwerk durch die späteren Anforderungen bei der Dosenherstellung und den sich daraus abgeleiteten Qualifizierungsverfahren durch den Endkunden weitgehend standardisiert.

Für den Dosenkörper und den Dosendeckel werden unterschiedliche Aluminiumlegierungen mit unterschiedlichen Festigkeiten eingesetzt. Die entsprechenden Walzprozesse müssen deshalb sehr genau auf die jeweiligen Materialeigenschaften abgestimmt sein. Gleichzeitig sollen die Produkte aus Sicht der Endkunden eine gleichbleibende Qualität aufweisen und mit vergleichbaren Produkten anderer Hersteller austauschbar sein. Die Anlagenkonfiguration folgt daher bewusst etablierten Standards.

„Die größten Herausforderungen lagen im Projektmanagement“

marketSTEEL: Das Werk ist für eine Jahreskapazität von 650.000 Tonnen Aluminiumblech ausgelegt und soll unterschiedliche Märkte bedienen. Wo liegen bei einem Projekt dieser Größenordnung die größten technischen Herausforderungen?

Michael Schäfer: Die eigentliche Anlagentechnik gehört für uns zum Tagesgeschäft. Steel Dynamics hat sich seinerzeit ganz bewusst dafür entschieden, auf bewährte Technologien zu setzen.

Die besonderen Herausforderungen lagen vielmehr im Projektmanagement und in der Organisation der internationalen Lieferketten. Das Projekt fiel in eine Zeit kurz nach der Corona-Pandemie, als die globalen Beschaffungs- und Logistikstrukturen noch erheblich unter Druck standen.

Hinzu kamen handelspolitische Veränderungen und Zollbestimmungen, die sich auf unsere internationalen Fertigungs- und Beschaffungsmärkte auswirkten. Damit fokussierte die Beschaffung statt auf China auf alternative Länder wie Indien, Vietnam oder Korea.

Unter diesen Rahmenbedingungen ein komplettes Aluminiumwerk auf der grünen Wiese zu errichten, war eine anspruchsvolle Aufgabe. Hinzu kam, dass unser Kunde zwar über umfangreiche Erfahrungen in der Stahlindustrie verfügte, im Aluminiumbereich jedoch Neuland betrat.

„Wer in Aluminium investiert, muss Recycling von Anfang an mitdenken“

marketSTEEL: Aluminium Dynamics gehört zu Steel Dynamics, einem Unternehmen, das ursprünglich aus der Stahlindustrie kommt und nun massiv in Aluminium investiert. Ist das ein Einzelfall oder zeichnet sich hier eine Entwicklung ab, die für die gesamte Metallindustrie interessant werden könnte?

Michael Schäfer: Ich bin überzeugt, dass diese Entwicklung für die Metallindustrie insgesamt interessant werden kann. Da es im konventionellen US-Stahlmarkt nur noch begrenzte Wachstumsmöglichkeiten gab, eröffnete der Schritt in die Aluminiumindustrie für Steel Dynamics zusätzliche Perspektiven.

Interessant ist vor allem der Ansatz, mit dem Steel Dynamics diesen Markt erschließt. Das Unternehmen überträgt seine Minimill-Erfahrungen und seine schlanke, effizienzorientierte Denkweise aus der Stahlproduktion auf die Aluminiumindustrie.

Diese Philosophie hat Steel Dynamics von Anfang an bei den gemeinsam mit SMS realisierten CSP®-Anlagen geprägt und erfolgreich umgesetzt. CSP steht für Compact Strip Production, ein Verfahren zur wirtschaftlichen Herstellung von Warmband aus Stahl. Die bei Steel Dynamics gewonnenen Erfahrungen mit effizienten Produktionsstrukturen sollen nun auch in der Aluminiumindustrie genutzt werden.

Ein ganz entscheidender Vorteil kommt hinzu: Zur Steel Dynamics-Gruppe gehört mit OmniSource ein großer Metallrecycler. Damit verfügt das Unternehmen bereits über einen Zugang zu Sekundärrohstoffen, inklusive Aluminiumschrott.

Das ist ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil. Wer heute in die Aluminiumproduktion investieren möchte, muss die Rohstoffversorgung und das Recycling von Anfang an berücksichtigen. Die entscheidende Frage lautet: Wie sichere ich langfristig und zu wettbewerbsfähigen Konditionen mein Eingangsmaterial?

Ohne eine entsprechende Rohstoffstrategie ist der wirtschaftliche Betrieb eines Aluminiumwerks kaum vorstellbar.

Video: ADL-Werk: New aluminum flat rolling complex for Aluminum Dynamics - SMS group GmbH

 

Fotos: marketSTEEL