Volkswagen: Circular Economy als Wachstumsmotor – nicht nur Hype
von Dagmar Dieterle-Witte
"Reduce & Grow" – wie der Automobilkonzern mit zirkulären Geschäftsmodellen die Transformation vorantreibt
Auf der Handelsblatt-Konferenz Circular Economy 2026 machte Volkswagen deutlich: Kreislaufwirtschaft ist kein Hype, sondern ein echter Wirtschaftsmotor. Doch die Herausforderungen sind gewaltig – von der Rückführung der Fahrzeuge bis zur Digitalisierung der Produktpässe. Ein Vortrag über neue Geschäftsmodelle, mobile Rohstofflager und ungenutztes Energiepotenzial.
Circular Economy: Mehr als nur Materialkreisläufe
Volkswagen versteht Circular Economy ganzheitlich – weit über die Rückführung von Materialien hinaus. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel verdeutlicht die Dimension: 2024 wurden in Deutschland 3,5 Prozent der erneuerbaren Energien nicht genutzt. Solaranlagen und Windräder wurden einfach abgeschaltet. Diese Energiemenge hätte ausgereicht, um drei Millionen Elektroautos ein Jahr lang zu betreiben – oder anders formuliert: "Vielleicht haben wir 2000 Windräder umsonst gebaut?".
Diese Perspektive zeigt: Ohne Digitalisierung lässt sich das volle Potenzial der Circular Economy nicht heben. Und genau hier setzt Volkswagen mit seiner Strategie an.
Das Marktumfeld im Wandel
Die Kreislaufwirtschaft verändert das gesamte Marktgefüge. Neue Player drängen in den Markt, etablierte Unternehmen gehen Kooperationen ein, die vor wenigen Jahren undenkbar waren. Hersteller treten direkt mit Recyclern und Verwertern in Kontakt – Kooperationen wie Audi und TSR oder Cylib und Porsche sind Innovationstreiber, die das gesamte Ökosystem neu ausrichten.
Die Herausforderung: In der EU stammen derzeit nur etwa 12 Prozent der Materialien aus zirkulären Kreisläufen – ein Anteil mit enormem Ausbaupotenzial. Gleichzeitig setzen geopolitische Maßnahmen, Exportzölle und Regulatorik die Märkte für Stahl und Batteriematerialien massiv unter Druck.
Volkswagen in Zahlen: Ein Gigant wird zirkulär
Mit 650.000 Mitarbeitern, 111 Standorten weltweit und zehn starken Pkw-Marken ist Volkswagen ein industrieller Riese. Die Zahlen unterstreichen die Dimension:
9 Millionen Fahrzeuge wurden 2025 weltweit abgesetzt Knapp 1 Million E-Fahrzeuge – ein Zuwachs von über 30 Prozent weltweit In Europa: 60 Prozent Wachstum bei Elektrofahrzeugen von 2024 auf 2025
Diese Zahlen zeigen: Trotz aller Diskussionen über einen "slow down" der E-Mobilität – der Zug ist losgefahren und lässt sich nicht mehr aufhalten.
Mobile Mining: Das fahrende Rohstofflager
Mit 9 Millionen Fahrzeugen bringt Volkswagen jährlich gigantische Mengen an Stahl, Aluminium, Kunststoffen und Batteriematerialien in den Markt. Die Perspektive verschiebt sich zunehmend zum Konzept des "Mobile Mining": Die Fahrzeuge sind rollende Rohstofflager, deren Materialien irgendwann zurückkehren müssen.
Doch es geht nicht nur um Materialien. Die knapp 1 Million E-Fahrzeuge bedeuten auch 74 Gigawattstunden elektrische Energiekapazität im Markt – genug, um mehrere Kleinstädte zu versorgen. Das Problem: Autos stehen die meiste Zeit ungenutzt herum. Dieses Energiepotenzial muss nutzbar gemacht werden – durch bidirektionales Laden und intelligente Vernetzung.
"Reduce & Grow": Die Circular Economy Strategie
Volkswagen hat seine Strategie unter dem Claim "Reduce & Grow" gebündelt – abgestimmt über alle zehn Marken weltweit. Die Botschaft: Es reicht nicht, nur zu reduzieren. Circular Economy muss auch Wachstumspotenziale erschließen.
Die Strategie basiert auf den R-Strategien der Kreislaufwirtschaft und umfasst:
1) Reduce:
- Reduzierung von Virgin Metal (Primärrohstoffen) Senkung des Materialeinsatzes in der Produktion Minimierung von Energieverbrauch und Emissionen
- Grow – Neue Geschäftsmodelle:
- Gebrauchte Ersatzteile: Fahrzeuge, die z.B. durch einen Unfall beschädigt sind, haben oft noch intakte Teile. Ein vorderer Stoßfänger von einem Fahrzeug mit Heckschaden kann evtl. weiterverwendet werden.
2) Demontage-Standorte: Vor zwei Tagen eröffnete in Zwickau ein Circular Economy Hub, wo Fahrzeuge systematisch zerlegt werden. Volkswagen lernt, wie gebrauchte Teile vermarktet und verkauft werden – eine Alternative zum klassischen "Schrottplatz" oder anderen Internetplatformen.
3) Bidirektionales Laden: E-Fahrzeuge werden zu mobilen Energiespeichern, die überkapazitäten aufnehmen oder Energie ins Netz zurückspeisen können.
4) Repurpose und Reuse von Batterien: Batterien, die für Fahrzeuge nicht mehr geeignet sind, können als stationäre Energiespeicher ein zweites Leben erhalten.
5) Revitalisierungsprogramme: Fahrzeuge werden aufgearbeitet und kommen erneut in den Markt.
Die größte Herausforderung: Rückführung der Fahrzeuge
"Ihr als Volkswagen verkauft total viel Autos – habt ihr die alle im Zugriff?" Diese Frage hört der Konzern häufig. Die Antwort ist komplexer: Volkswagens Geschäftsmodell ist der Verkauf, das Finanzieren und Verleasen von Fahrzeugen. Danach gehören sie anderen Personen – und irgendwann müssen sie wieder zurückgegeben werden.
Hier wird das Thema Gesellschaft zentral: Wie gehen wir mit unseren Produkten um? Finden sie leicht den Weg zurück zum Hersteller? Neue Kundenbindungsprogramme können hier unterstützen.
Benefits für die Rückgabe
- Anreize, die Kunden begeistern und zum Mitmachen motivieren
- Digitalisierung: Ohne geht es nicht
- Ein Fahrzeug hat nicht einen, sondern viele digitale Produktpässe. Allein ein Batterieproduktpass enthält etwa 90 Items. Auf alle Bauteile und Baugruppen heruntergebrochen entsteht eine gigantische Datenmenge, die nicht mehr mit Excel-Tabellen verwaltbar ist.
Die Lösung liegt in einem Dreiklang:
- Digitaler Produktpass: Lückenlose Dokumentation aller Komponenten
- Künstliche Intelligenz: Verwaltung und Analyse der Datenmengen
- Digitaler Zwilling: Prognose von Bauteilzuständen basierend auf dem aktuellen Lebenszyklus
Der digitale Zwilling ermöglicht u.a., in Echtzeit zu bewerten, in welchem Zustand Materialien und Bauteile sind und wie sie weiterverwendet werden können.
Deutschland hinkt bei Smart Metern hinterher
Ein kritischer Punkt: Ohne die richtige Infrastruktur funktioniert die Vision nicht. In Deutschland liegt der Ausbau bei Smart Metern – elektronischen Zählern, die für bidirektionales Laden im "Smart Grid" unverzichtbar sind – bei nur etwa 3 Prozent. Damit ist Deutschland eher europäisches Schlusslicht.
Die Konsequenz: Es reicht nicht, Autos zu bauen, die bidirektionales Laden beherrschen. Die Technologie muss flächendeckend und ganzheitlich etabliert werden – von der Infrastruktur bis zur Regulierung.
Fazit: Wirtschaftsmotor statt Hype
- Die Antwort auf die Eingangsfrage ist eindeutig: Circular Economy ist kein Hype, sondern ein echter Wirtschaftsmotor mit riesigen Potenzialen. Doch allein wird es nicht funktionieren. Volkswagen setzt auf:
- Kooperationen und Partnerschaften entlang der Wertschöpfungskette Innovationen, die aktiv gefördert werden müssen Wirtschaftliche Darstellung der Circular-Economy-Thematik
- Nur wenn Kreislaufwirtschaft zum "neuen Normal" wird und wirklich in die Prozesse etabliert ist, lässt sich die Transformation erfolgreich umsetzen. Die Herausforderungen sind groß – aber die Potenziale sind noch größer.
Über Volkswagen AG
Die Volkswagen AG ist mit zehn Pkw-Marken, 650.000 Mitarbeitern und 111 Standorten weltweit einer der größten Automobilhersteller. Mit der Circular Economy Strategie "Reduce & Grow" treibt der Konzern die Transformation zu nachhaltiger Mobilität und zirkulären Geschäftsmodellen voran. Die Nachhaltigkeitsstrategie "Regenerate Plus" wurde 2024 gelauncht und umfasst alle Dimensionen – von Natur und Business bis zu gesellschaftlichen Aspekten und der Belegschaft.
Fotos: Handelblatt/Foto Vogt GmbH/PicDrop GmbH
Handelsblatt Media Group, Toulouser Allee 27, Düsseldorf, Tagung am 22./23.01.2026