Stahlindustrie im Umbruch: „Planbarkeit ist der entscheidende Faktor“
von Dagmar Dieterle-Witte
Uwe Reinecke, General Manager bei FERALPI STAHL, über Energiepreise, Transformation und industriepolitische Signale in Europa
Herr Reinecke, die Stahlbranche befindet sich aktuell in einem tiefgreifenden Wandel. Welche konkreten Erwartungen haben Sie an die Bundesregierung, um die Stahlindustrie in Deutschland zu sichern?
Die Planbarkeit hat in den vergangenen Jahren deutlich gelitten – und die Situation hat sich von 2025 auf 2026 sogar noch weiter verschärft. Für die Stahlindustrie fehlt es aktuell mehr denn je an verlässlichen Rahmenbedingungen.
Ein zentraler Punkt sind wettbewerbsfähige Energiepreise. Gemeinsam mit der Wirtschaftsvereinigung Stahl haben wir klare Zielgrößen formuliert: 50 Euro pro Megawattstunde beziehungsweise 5 Cent pro Kilowattstunde „all in“, also inklusive Netzentgelten sowie sämtlicher Abgaben und Umlagen. Dieses Niveau ist bis heute noch nicht erreicht worden.
Zwar gab es erste Entlastungen, etwa durch reduzierte Netzentgelte – diese gelten jedoch nur temporär für 2026. Hier braucht es eine verstetigte Lösung über die nächsten Jahre. Die Politik muss für Verlässlichkeit sorgen und darf sich nicht hinter haushaltspolitischen Unsicherheiten verstecken.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht ein verlässlicher Industriestrompreis?
Ein wettbewerbsfähiger Industriestrompreis ist eine der zentralen Säulen, um überhaupt innerhalb Europas konkurrenzfähig zu bleiben. Deshalb unsere bereits erwähnte Forderung von 50 Euro pro Megawattstunde „all in“.
Aktuell bewegen wir uns – selbst unter Berücksichtigung der bisherigen Entlastungsmaßnahmen – eher im Bereich von täglich durchschnittlich 8 bis 11 Cent pro Kilowattstunde inkl. aller aktuellen strompreissenkenden Komponenten. Damit liegen wir noch deutlich über dem angestrebten Zielwert. Diese Differenz ist für energieintensive Industrien wie die Stahlproduktion ein entscheidender Wettbewerbsnachteil.
Was muss die Politik in Berlin und Brüssel tun, damit Investitionen in klimafreundliche Stahlproduktion planbar bleiben?
Neben dem Strompreis rückt zunehmend auch das Thema Gas in den Fokus. Geopolitische Entwicklungen haben die Preise deutlich steigen lassen – von rund 30 Euro pro Megawattstunde vor dem Iran-Krieg auf zeitweise über 60 Euro.
Für die Transformation hin zu grünem Stahl brauchen wir daher insgesamt verlässliche, wettbewerbsfähige Energiepreise. Darüber hinaus braucht es verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen. Wer in CO₂-arme Technologien investiert, muss sich darauf verlassen können, dass es auch einen Markt für diese Produkte gibt. Hier ist die Politik gefordert, klare Leitplanken für den grünen Leitmarkt zu setzen.
Der eingeschlagene Kurs der Transformation ist grundsätzlich richtig, und wir als Feralpi Group werden diesen Weg konsequent weitergehen. Allerdings braucht es mehr Pragmatismus: Wenn sich Transformationsprozesse um einige Jahre verlängern, dafür aber industrielle Wertschöpfung und Arbeitsplätze gesichert werden, ist das aus unserer Sicht sinnvoll.

Welche industriepolitischen Signale fehlen derzeit noch?
Es fehlt vor allem an klaren und verbindlichen Signalen für einen grünen Leitmarkt. Initiativen wie der Industrial Accelerator Act gehen zwar in die richtige Richtung, bleiben aber bislang zu unverbindlich.
Positiv ist, dass auf europäischer Ebene zuletzt Bewegung beim Thema Schutzmechanismen zu erkennen ist. Das betrifft den CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM sowie die von der EU beschlossenen Safeguards, die zum 1. Juli in Kraft treten.
Maßnahmen, die verhindern, dass Stahl aus Drittstaaten mit deutlich geringeren Umwelt- und Wettbewerbsauflagen den europäischen Markt verzerrt, sind ein wichtiges Signal. Allerdings bestehen insbesondere bei den Safeguards weiterhin Lücken in der Ausgestaltung. So sind bestimmte Halbfabrikate – im Langstahlbereich betrifft das insbesondere Knüppel – bislang nicht ausreichend erfasst. Hier besteht aus unserer Sicht klarer Nachbesserungsbedarf.
Wie schätzen Sie die aktuelle Marktlage ein – insbesondere in Bau, Automobil und Maschinenbau?
Wir sind grundsätzlich mit einer positiven Grundstimmung in das Jahr 2026 gestartet, auch wenn zusätzliche geopolitische Spannungen zurzeit für Unsicherheit sorgen.
Die Baubranche hatte aufgrund eines klassischen Winters einen verzögerten Start in das neue Jahr. Inzwischen sehen wir jedoch eine steigende Nachfrage in unserem Segment Bewehrungsstahl.
Mit Blick auf geplante Infrastrukturprojekte und öffentliche Investitionen erwarten wir eine zusätzliche, spürbare Belebung im zweiten Halbjahr. Nach drei Jahren der Krise in der Baubranche in Deutschland gehen wir davon aus, dass sich die Situation nun stabilisiert und wieder aufwärts entwickelt.
Insgesamt sind wir vorsichtig optimistisch.
Vielen Dank für das Interview