Transformation unter Druck: Was die Gießereiindustrie jetzt braucht
von Dagmar Dieterle-Witte
Die Branche ist bereit für den Wandel – doch ohne wettbewerbsfähige Energiepreise und verlässliche Rahmenbedingungen droht die Transformation zu scheitern. marketSTEEL im Gespräch mit Dr. Martin Theuringer, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des BDGuss.

1. Ist die Transformation aktuell industriepolitisch gewollt – aber praktisch kaum umsetzbar?
Die Gießer sind Pioniere der Kreislaufwirtschaft und zur Transformation bereit. Notwendige Voraussetzung dafür sind aber komplementäre Rahmenbedingungen, die für Gießereien vielfach nicht gegeben sind. Zu nennen sind im Wesentlichen die Finanzierung durch geeignete Förderprogramme, wettbewerbsfähige Strom- und kalkulierbare CO2-Preise sowie Energieinfrastruktur und vor allem Netzanschlüsse an den Standorten.
2. Wo hakt es konkret: Finanzierung, Genehmigungen oder Technologieverfügbarkeit?
Es hakt überall: Förderprogramme sind zu komplex und oft stärker auf Innovation als auf Skalierung ausgerichtet. Die Zugänge sind für Mittelständler schwierig; Bankenfinanzierung wird schwieriger; Netzanschlüsse kommen außerhalb der Ballungsräume häufig erst Mitte der 2030er Jahre; Netzanschlusskosten sind hoch; der Rohstoff Schrott wird knapper; und regulatorische Anforderungen binden in KMU erhebliche Ressourcen.
3. Welche Investitionen werden derzeit aufgeschoben – und mit welchen Folgen?
Aufgeschoben werden vor allem Investitionen in Netzanschlüsse und Trafostationen, in effizientere Schmelzprozesse, in Abwärmenutzung, Schrottaufbereitung und digitale Prozessführung. Die Folge ist nicht schnellerer Klimaschutz, sondern verzögerte oder verhinderte Transformation.
4. Was müsste sich kurzfristig ändern, damit Transformation wirtschaftlich bleibt?
Damit Transformation wirtschaftlich bleibt, sind kurzfristig im Kern vier Punkte entscheidend: erstens wettbewerbsfähige Energiekosten, konkret ein Zielwert von 50 €/MWh all-in beziehungsweise 5 ct/kWh; zweitens wirksamer Carbon-Leakage-Schutz im ETS1 und eine schnelle Korrektur der BEHG-Belastung; drittens 1:1-Umsetzung europäischer Vorgaben und echter Bürokratieabbau; viertens bessere Rahmenbedingungen für Investitionen, also verlässliche Förderprogramme, schnellere Genehmigungen und ausreichende Netzanschlüsse.
5. Was erwarten Sie konkret vom nationalen Gießerei-Dialog – mehr als Symbolpolitik?
Vom nationalen Gießerei-Dialog erwarte ich keinen Symboltermin, sondern einen politischen Prozess, der die Branche in konkrete Entscheidungen einbezieht. Mehr als Symbolpolitik wäre das dann, wenn kurzfristig bei Energiekosten, CO₂-Kosten und Regulierungsdruck tatsächlich entschieden wird.
6. Welche drei Punkte müssen dort zwingend auf den Tisch?
Drei Punkte müssen dort zwingend auf den Tisch: erstens wettbewerbsfähige Energiepreise und eine sofort wirksame Stromkostenentlastung; zweitens wirksamer Carbon-Leakage-Schutz einschließlich ETS1 und BEHG; drittens eine mittelstandstaugliche Regulierung mit 1:1-Umsetzung, weniger Berichtspflichten und praktikablen Genehmigungsverfahren. Ergänzend gehören auch fairer Handel mit Safeguards, Antidumping und Local-Content-Instrumenten dazu.
7. Woran werden Sie den Erfolg dieses Dialogs messen?
Daran würde ich den Erfolg dieses Dialogs messen: erstens an kurzfristig wirksamen Entlastungen noch 2026; zweitens an besseren Investitionsbedingungen, also tatsächlicher Planungssicherheit bei Elektrifizierung und Infrastruktur; und in der Folge drittens an einem Stopp der weiteren Erosion bei Produktion, Beschäftigung und Standortsubstanz. Alles andere bliebe zu unverbindlich.
Fotos: marketSTEEL