Handelspolitischer Schutz und internationale Kooperation in einer geopolitisch angespannten Welt: Herausforderungen für die globale Stahlindustrie

von Dagmar Dieterle-Witte

Die internationale Stahlindustrie befindet sich in einem Zeitalter tiefgreifender Umbrüche, das durch verschärfte geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheiten und die historische Transformation hin zu klimafreundlicher Produktion geprägt ist. Während Stahl seit mehr als einem Jahrhundert das Rückgrat industrieller Entwicklung bildet, verändern die politischen und ökonomischen Kräfteverhältnisse der Gegenwart seine Rolle und seine Produktionsbedingungen schneller als je zuvor. Die Branche, die wie kaum eine andere von global verflochtenen Märkten abhängig ist, muss heute gleichzeitig auf politische Konflikte, wirtschaftliche Risikofaktoren und technologische Disruptionen reagieren. Das Zusammenspiel aus handelspolitischem Schutz und internationaler Kooperation entwickelt sich damit zu einem zentralen Leitmotiv ihrer zukünftigen Entwicklung.

Die geopolitische Lage hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verschärft. Rivalitäten zwischen großen Wirtschaftsräumen wie den USA und China, handelspolitische Neuausrichtungen zwischen der Europäischen Union und ihren Partnern sowie regionale Konflikte verändern die globalen Lieferketten und Märkte in einer Weise, die die Stahlindustrie unmittelbar trifft. Die Weltmärkte sind nicht mehr so berechenbar wie in den Jahrzehnten zuvor, in denen wirtschaftliche Globalisierung weitgehend ungestört voranschritt. Stattdessen prägen strategische Industriepolitik, nationale Sicherheitserwägungen und die Sorge um technologische Abhängigkeiten das politische Umfeld. Staaten betrachten Grundstoffindustrien zunehmend nicht mehr nur als Wirtschaftssektoren, sondern als kritische Infrastruktur, deren Stabilität über industriepolitische und sicherheitspolitische Zielsetzungen hinaus Bedeutung hat.

 

In dieser politisch aufgeladenen Atmosphäre greifen Regierungen verstärkt zu handelspolitischen Schutzinstrumenten. Die Entscheidung, Märkte durch Zölle oder Importbeschränkungen abzuschirmen, ist nicht länger nur eine Reaktion auf Dumpingpreise oder staatliche Subventionen anderer Länder, sondern spiegelt häufig auch geopolitische Prioritäten wider. Die USA berufen sich beispielsweise seit einigen Jahren wiederholt auf nationale Sicherheitsinteressen, um ihre Stahlindustrie vor ausländischen Marktteilnehmern zu schützen. Gleichzeitig setzt die Europäische Union verstärkt auf handelspolitische Abwehrmaßnahmen, um den Binnenmarkt vor verzerrendem Wettbewerb zu bewahren. Diese Tendenzen stehen in einem spürbaren Gegensatz zur früher dominierenden Vorstellung, dass offene Märkte zwangsläufig Wohlstand schaffen und geopolitische Spannungen abmildern würden.

 

Der wirtschaftliche Kontext verstärkt diese Dynamik. In vielen Regionen der Welt schwächt die Konjunktur, wodurch die Nachfrage nach Stahl sinkt, während Angebot und Produktionskapazitäten nicht im gleichen Tempo zurückgefahren werden. Die anhaltende Überkapazität, die zu einem erheblichen Teil auf staatlich gelenkte Produktionsmodelle einzelner Länder zurückgeht, bleibt der zentrale wirtschaftliche Risikofaktor der Branche. Diese Überkapazitäten führen zu Preisdruck, verschärfen die Konkurrenz und zwingen Regierungen, stärker als zuvor einzugreifen, um den industriellen Kern ihrer Volkswirtschaften zu schützen. Zugleich verändern steigende Energiekosten und volatile Rohstoffmärkte die Wettbewerbsbedingungen, wodurch Unternehmen zunehmend zwischen kurzfristigen wirtschaftlichen Zwängen und langfristigen Transformationszielen abwägen müssen.

 

Besonders sichtbar wird dies an der Frage der Dekarbonisierung. Die Umstellung der Stahlproduktion auf emissionsarme Technologien gilt heute nicht mehr als Zukunftsvision, sondern als strategische Notwendigkeit. Investitionen in Wasserstofftechnologien, Elektrolichtbogenöfen oder CO₂-ärmere Verfahren sind zentral für die Zukunftsfähigkeit der Branche. Allerdings entstehen dadurch neue internationale Wettbewerbsgrenzen, denn nicht alle Regionen verfügen über die gleichen ökonomischen oder politischen Voraussetzungen, um diese Transformation zu finanzieren. Einige Staaten unterstützen den Umbau ihrer Industrie durch milliardenschwere Programme, während andere Produktionsmodelle weitgehend unverändert fortbestehen. Dadurch wird die Frage, wie handelspolitischer Schutz und Klimapolitik miteinander in Beziehung stehen, zu einem politischen Schlüsselthema. Klimabezogene Handelsinstrumente wie der europäische CO₂-Grenzausgleichsmechanismus sollen Wettbewerbsverzerrungen ausgleichen, können jedoch zugleich neue Konfliktlinien schaffen, wenn Handelspartner diese Instrumente als protektionistisch wahrnehmen.

 

Vor diesem Hintergrund gewinnt internationale Kooperation an Bedeutung, auch wenn sie zunehmend schwieriger umzusetzen ist. Die globalen Institutionen, die einst als Stabilitätsanker der Weltwirtschaft galten, sind selbst unter Druck geraten. Die Welthandelsorganisation, lange Zeit Garant regelgebundener Märkte, ist in Teilen geschwächt und kann Streitigkeiten nur eingeschränkt abarbeiten. Dennoch bleibt sie ein unverzichtbarer Rahmen, in dem staatliche Maßnahmen transparent gemacht und bewertet werden können. Ebenso zeigt das Beispiel des Global Forums on Steel Excess Capacity, dass multilaterale Initiativen trotz aller Herausforderungen Erfolge erzielen können, wenn politische Kompromissbereitschaft vorhanden ist. Zwar konnten Überkapazitäten nicht vollständig abgebaut werden, aber das Forum hat wesentlich dazu beigetragen, Problemlagen sichtbar zu machen und Daten bereitzustellen, die Grundlage politischer Entscheidungen sind.

 

Die Zukunft der Stahlindustrie wird entscheidend davon abhängen, ob es gelingt, handelspolitischen Schutz und internationale Kooperation so miteinander zu verbinden, dass die Branche Stabilität gewinnt, ohne in protektionistische Dauerkonflikte abzugleiten. Eine rein nationale Strategie kann angesichts globaler Märkte und komplexer Lieferketten kaum erfolgreich sein, doch ein unregulierter Freihandel würde die strukturellen Ungleichgewichte weiter verschärfen. Es braucht daher einen ausgewogenen, realistischen Ansatz, der den Schutz strategischer Industrien anerkennt, zugleich aber den Wert internationaler Zusammenarbeit nicht aus dem Blick verliert. Die großen wirtschaftlichen und geopolitischen Herausforderungen unserer Zeit zeigen, dass stabile Märkte, faire Wettbewerbsbedingungen und technologischer Fortschritt keine Gegensätze sind, sondern nur gemeinsam erreicht werden können.

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Foto: Prof. Dr. Sven-Joachim Otto/Energiesozietät GmbH Rechtsanwälte Steuerberater