Gießereiindustrie am Kipppunkt: Branche unter massivem Druck

von Dagmar Dieterle-Witte

Steigende Energiekosten, schwache Nachfrage und wachsender Wettbewerbsdruck setzen die deutsche Gießereiindustrie unter akuten Stress – zentrale Kennzahlen zeigen eine deutliche Verschärfung der Lage. marketSTEEL sprach mit Dr. Martin Theuringer, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des BDGuss.

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1. Steht die Gießereiindustrie aktuell wirklich am Kipppunkt – oder ist das noch übertrieben formuliert?

Die Branche steht am Kipppunkt. Die Kennzahlen dahinter sind eindeutig. Es handelt sich um einen perfekten Sturm aus massiv gestiegenen Energiekosten, einer komplexen Regulierung, ruinösen asiatischen Überkapazitäten, einer anhaltenden Wachstumsschwäche im Inland und gleichzeitig einem enormen Transformationsdruck. In dieser Gesamtlage ist „Kipppunkt“ keine Zuspitzung, sondern die Beschreibung eines realen industriepolitischen Ernstfalls.

2. Welche Kennzahlen zeigen Ihnen derzeit am deutlichsten die Schieflage?

Die Produktion der deutschen Gießerei-Industrie ist seit 2018 von rund 5,5 auf etwa 3,3 Millionen Tonnen zurückgegangen – ein Rückgang von rund 35 bis 40 Prozent. Die Beschäftigung sank im selben Zeitraum von rund 80.000 auf etwa 61.000 Mitarbeitende, was einem Rückgang von knapp einem Viertel entspricht.

3. Wo sehen Sie kurzfristig Entlastung – und wo eher weitere Verschärfung?

Kurzfristige Entlastung wäre vor allem dort möglich, wo politische Entscheidungen unmittelbar auf Kosten und Investitionsfähigkeit wirken: bei wettbewerbsfähigen Strompreisen, beim Carbon-Leakage-Schutz, bei einer wirksamen Entlastung von den CO₂-Kosten und beim Bürokratieabbau. Hier braucht es insbesondere einen verlässlichen Industriestrompreis, eine Neu-Kalibrierung des ETS1, eine Aussetzung bzw. deutliche Korrektur der BEHG-Belastung bis zum ETS2 sowie eine konsequente 1:1-Umsetzung europäischer Vorgaben ohne Goldplating. Weitere Verschärfungen drohen dagegen dort, wo Preissignale verschärft werden, ohne dass Infrastruktur, Finanzierung und Genehmigungen Schritt halten.

4. Was bedeutet das aktuelle Energiekostenniveau konkret für die internationale Wettbewerbsfähigkeit?

Für die internationale Wettbewerbsfähigkeit ist das aktuelle Energiekostenniveau hochproblematisch. Strom in Deutschland ist im internationalen Wettbewerb um ein Mehrfaches teurer; je nach Betrachtung ist von zwei- bis vierfachen Strompreisen die Rede. Für 2024 lagen die durchschnittlichen Stromkosten der Gießereien bei rund 24 ct/kWh. Die berechnete Entlastungswirkung des angekündigten Industriestrompreises liegt nur bei maximal  1 ct/kWh beziehungsweise etwa 5 Prozent. Das ist weit entfernt von einem wettbewerbsfähigen Niveau und erklärt, warum Aufträge, Investitionen und Produktion unter Druck geraten.

 

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Fotos: marketSTEEL, fotolia