Kosten, CO₂ und globaler Wettbewerb: Die strukturellen Probleme der Gießereien
von Dagmar Dieterle-Witte
Hohe Energiepreise, regulatorische Belastungen und zunehmender Importdruck prägen die strukturelle Krise der Branche – zentrale Instrumente greifen bislang nur begrenzt. Im Gespräch mit marketSTEEL erläutert Dr. Martin Theuringer, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des BDGuss, die zentralen Ursachen.
1. Reicht der aktuelle Ansatz zum Industriestrompreis aus – oder kommt er zu spät?
Der Ansatz ist zwar ein erster Schritt, reicht aber nicht aus und kommt für viele Betriebe zu spät oder gar nicht an. Belegt ist, dass drei Viertel der Branchensektoren von dem Instrument in der derzeitigen Form ausgeschlossen wären. Die begünstigen Gießereien müssen einen enormen administrativen Aufwand betreiben, um eine extrem geringe Entlastung zu bekommen, die außerdem nur für 3 Jahre gilt und auch noch unter Haushaltvorbehalt steht. Hinzu kommt das Risiko einer nachträglichen Kostenerstattung, bei der Verbräuche aus 2026 erst 2027 beantragt und faktisch erst 2028 wirksam würden. In einer akuten Strukturkrise ist das nicht nur keine Soforthilfe, sondern eigentlich gar keine Hilfe.
2. Wie stark wirkt die Strompreiskompensation aktuell tatsächlich in der Praxis?
Belastbar beziffern lässt sich derzeit nicht, wie stark die Strompreiskompensation branchendurchschnittlich heute schon wirkt. Das liegt vor allem daran, dass auch bei diesem Instrument ¾ der Branchensektoren gesetzlich ausgeschlossen sind und diverse Antragsvorgaben zahlreiche Begünstigte von einer Antragstellung abhalten. Klar ist weiter, dass Industriestrompreis und Strompreiskompensation kombinierbar sein müssen und dass die SPK-Listen ausgeweitet werden müssen, weil auch die ausgeschlossenen Branchenteile strom- und handelsintensive sind. Deshalb würde ich sagen: Die heutige Reichweite der Instrumente ist nicht ausreichend, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Branche wirksam abzusichern.
3. Wie stark belasten ETS1 und BEHG die Gießereien bereits heute real?
ETS1 und BEHG belasten die Branche bereits real. Beim ETS1 liegen die möglichen Zusatzkosten für 11 deutsche Eisengießereien infolge der diskutierten Benchmark-Absenkung für 2026 bis 2030 insgesamt bei 55 bis 100 Millionen Euro. Zugleich gilt: CBAM mildert diese Belastung nicht adäquat ab, und ein Wegfall freier Zuteilungen wäre ohne nachgewiesene Schutzwirkung nicht zu rechtfertigen. Beim BEHG schafft die nationale CO₂-Bepreisung bei verschobenem ETS2 einen deutschen Sonderweg mit singulären Zusatzkosten von bis zu 70 Mio. €, ein Drittel der Umsatzrendite; die BECV kompensiert diesen Nachteil kaum und ist ein Lehrbuchbeispiel für Überbürokratisierung. Die Gefahr ist klar: Carbon Leakage statt Klimaschutz, De-Industrialisierung statt Transformation.
4. Droht hier eine schleichende Deindustrialisierung über die CO₂-Kosten?
Die Sorge vor schleichender Deindustrialisierung ist daher real. Zu viele Betriebe können einfach nicht auf Strom umstellen, weil der zu teuer ist oder schlicht die Anschlussleistung fehlt. Die Betriebe können die CO2-Zusatzkosten nicht auffangen und die Kunden werden sie auf Dauer nicht bezahlen, wenn Guss aus dem Ausland günstiger ist. Carbon-Leakage bedeutet Abwanderung von Produktion ins Ausland, Werksschließungen, Beschäftigungsabbau, den Verlust von Know-how und Abhängigkeit von unsicheren Drittstaaten, mithin den Verlust von Resilienz. Das ist mehr als ein abstraktes Warnbild; dahinter stehen konkrete Kosten-, Produktions- und Beschäftigungsentwicklungen.
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Fotos: marketSTEEL