Gießereien als Schlüsselbranche: „Ohne Guss läuft keine Industrie“
von Dagmar Dieterle-Witte
Der Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG) vertritt rund 600 Gießereien mit etwa 65.000 bis 70.000 Beschäftigten in Deutschland. Als zentraler Zulieferer für Automobil-, Maschinen- und Anlagenbau spielt die Branche eine tragende Rolle für die industrielle Wertschöpfung. Der BDG engagiert sich in wirtschafts- und industriepolitischen Themen, fördert Wissenstransfer und vertritt die Interessen der Branche auf nationaler und europäischer Ebene. Im Interview erläutert Dr. Theuringer, warum Gießereien weit mehr als nur ein klassischer Industriezweig sind.
Dr. Theuringer vom BDG erklärt im Interview, warum die Gießerei-Industrie für Deutschland unverzichtbar ist – wirtschaftlich, technologisch und strategisch.
Herr Dr. Theuringer, warum ist die Gießerei-Industrie eine Schlüsselbranche?
Die Gießerei-Industrie ist eine Schlüsselbranche, weil Guss in nahezu allen industriellen Anwendungen steckt. Ohne gegossene Komponenten lassen sich weder Fahrzeuge, noch Maschinen, Motoren, Windkraftanlagen oder Transformatoren herstellen. Gießereien sind damit ein elementarer Bestandteil praktisch aller industriellen Wertschöpfungsketten.
Ein entscheidender Vorteil Deutschlands liegt im gewachsenen Know-how. Über Jahrzehnte haben sich enge Netzwerke zwischen Industrie und Forschung entwickelt, die international einzigartig sind. Dieses Wissen ist ein strategischer Wettbewerbsvorteil. Geht die Gießerei-Industrie verloren, verliert Deutschland nicht nur Produktionskapazitäten, sondern auch Innovationskraft – mit direkten Auswirkungen auf Schlüsselbranchen wie den Maschinenbau und die Automobilindustrie.
Darüber hinaus haben Gießereien eine hohe strukturelle Bedeutung für den Industriestandort. In Deutschland gibt es noch rund 550 Betriebe, die über alle Bundesländer verteilt sind – häufig in ländlichen Regionen. Dort sind sie oft einer der wichtigsten industriellen Arbeitgeber und tragen maßgeblich zur wirtschaftlichen Stabilität vor Ort bei.
Ein weiterer Aspekt ist die starke Vernetzung mit anderen Industrien. Die Gießerei-Branche ist eng mit dem Maschinenbau und der Automobilindustrie verbunden. Jeder Arbeitsplatz in der Gießerei sichert statistisch zwei weitere Arbeitsplätze in Zulieferbranchen. Ein Rückgang der Gießereiindustrie hätte daher weitreichende Folgen entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette.
Nicht zuletzt spielt die Branche eine zentrale Rolle für Resilienz und strategische Autonomie. Gießereien liefern Schlüsselkomponenten für sicherheitsrelevante Anwendungen, etwa im Verteidigungssektor – von Panzertechnik bis zum U-Boot-Bau. Diese Produkte sind oft hochspezialisiert und nicht kurzfristig ersetzbar.
Zusammengefasst: Die Gießerei-Industrie ist nicht nur ein klassischer Zulieferer, sondern eine strategische Basisindustrie. Ihr Erhalt ist entscheidend für Wettbewerbsfähigkeit, Innovationsfähigkeit und industrielle Souveränität in Deutschland und Europa.
Fotos: marketSTEEL