Ein Industriezweig unter Dauerdruck

von Dagmar Dieterle-Witte

Steuerliche Investitionsanreize und Bürokratieabbau: Was der Stahlindustrie jetzt wirklich hilft

 

Ein Industriezweig unter Dauerdruck

Die Stahlindustrie steht an einem Wendepunkt. Klimaneutrale Produktionsprozesse sind politisch gesetzt, technisch möglich und strategisch notwendig. Doch gleichzeitig arbeitet die Branche mit Produktionskosten, die im internationalen Vergleich hoch sind, während Genehmigungen für Modernisierungen Monate oder Jahre dauern. Für Unternehmen, die hunderte Millionen Euro in neue Ofentechnologien, Wasserstoffinfrastruktur oder Elektrifizierung investieren müssen, ist dieser Rahmen ein schwerwiegendes Hemmnis. Die Frage, ob Deutschland künftig ein Land industrieller Wertschöpfung bleibt, entscheidet sich damit nicht nur an Technologien, sondern vor allem an der Fähigkeit des Staates, Investitionen zu erleichtern.

Warum steuerliche Anreize bislang nicht genügen

Steuerliche Investitionsanreize gibt es – doch die Realität in den Werken zeigt, dass sie selten die Wirkung entfalten, die politisch beabsichtigt ist. Die Modernisierung eines Hochofens oder der Bau einer Direktreduktion folgt nicht dem Rhythmus kurzfristiger Gesetzesnovellen. Unternehmen benötigen über viele Jahre verlässliche Abschreibungsbedingungen, eine eindeutige steuerliche Einordnung von Transformationsprojekten und einen Rechtsrahmen, der planbare Kapitalbindung ermöglicht. Stattdessen kämpfen Betriebe häufig mit befristeten Sonderabschreibungen, komplizierten Nachweispflichten und unklaren Abgrenzungen zwischen „innovativ“ und „betriebserhaltend“. Das Ergebnis: Förderlogik und industrielle Investitionspraxis laufen häufig aneinander vorbei.

Bürokratie als investitionshemmender Faktor

Noch deutlicher spürbar ist der administrative Druck. Wer eine Anlage umbaut, elektrifiziert oder auf Wasserstoff umrüstet, bewegt sich durch ein Geflecht aus Umweltrecht, Emissionsschutz, Arbeitsschutz, Brandschutz und europarechtlichen Vorgaben – oft betreut von unterschiedlichen Behörden, mit widersprüchlichen Anforderungen und ohne digitale Schnittstellen. In manchen Fällen dauert die Genehmigung länger als die eigentliche Bauzeit. Für ein global agierendes Unternehmen bedeutet das nicht nur Verzögerungen, sondern auch erhebliche Kosten: Investitionsentscheidungen verschieben sich, Lieferketten warten, und technologische Vorsprünge entstehen anderswo.

Die Bedeutung für gesamte Wertschöpfungsketten

Die Stahlindustrie ist kein isolierter Sektor. Verzögerte Investitionen wirken sich unmittelbar auf den Maschinenbau, die Automobilindustrie, den Anlagenbau, die Energietechnik und den Bau aus. Wenn ein Werk seine Transformation nicht umsetzen kann, verzögert sich die Verfügbarkeit klimaneutraler Vorprodukte für ganze Industrien. Damit wird die Frage der administrativen Rahmenbedingungen zu einer gesamtwirtschaftlichen Aufgabe: Ohne Stahl gibt es keine Windräder, keine Elektrolyseure, keine Schieneninfrastruktur und keine sichere Energieversorgung der Zukunft.

Was jetzt passieren muss

Für die Branche sind zwei Schritte entscheidend. Erstens braucht es steuerliche Rahmenbedingungen, die dauerhaft gelten, Rechts- und Planungssicherheit bieten und Investitionen nicht künstlich in Förderkategorien pressen. Zweitens muss der Bürokratieabbau die operative Ebene erreichen: digitale Verfahren, eindeutige Zuständigkeiten und verbindliche Fristen würden in vielen Fällen mehr bewirken als neue Programme. Beides zusammen entscheidet darüber, ob Unternehmen ihre Modernisierung tatsächlich umsetzen können – oder ob sie Investitionen ins Ausland verlagern.

 

Fazit: Investitionen sind möglich – wenn der Staat sie zulässt

Die Stahlindustrie ist bereit, erhebliche Mittel in klimaneutrale Produktion zu investieren. Die Technologien stehen zur Verfügung, die Unternehmen haben Transformationspläne, und der Bedarf an grünem Stahl wächst global. Was fehlt, ist ein Rahmen, der Investitionen nicht ausbremst, sondern ermöglicht. Steuerliche Anreize und Bürokratieabbau sind dabei kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, dass Deutschland die industrielle Basis behält, die es für die Energiewende und seine wirtschaftliche Stabilität dringend braucht.

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Foto: Prof. Dr. Sven-Joachim Otto/Energiesozietät GmbH Rechtsanwälte Steuerberater

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