Die Bedeutung der Stahlindustrie für das Saarland
von Dagmar Dieterle-Witte
Die Stahlindustrie im Saarland steht für industrielle Kontinuität und tiefgreifenden Wandel zugleich. In ihrem Beitrag erläutert Antje Otto zentrale Entwicklungen, Herausforderungen und Perspektiven der Branche.
Die Bedeutung der Stahlindustrie für das Saarland
Die Stahlindustrie ist für das Saarland in historischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht von großer Bedeutung. Ihre Ursprünge reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Mit rd. 12.000 direkt Beschäftigten gehört die Stahlindustrie heute zu den größten Arbeitgebern und den größten Ausbildern im Saarland. Insgesamt hängen in Deutschland knapp 34.000 Arbeitsplätze von der saarländischen Stahlindustrie ab.
Jedoch hat die Stahlindustrie nicht nur für das Saarland Bedeutung, sondern darüber hinaus auch für Deutschland und Europa. Vor dem Hintergrund geopolitischer Veränderungen ist die Stahlindustrie für die Resilienz und Souveränität Deutschlands und Europas wieder wichtig geworden. Diese Tatsache ist nicht neu: Vor 75 Jahren wurde deshalb mit dem Vertrag von Paris zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS-Vertrag) der Grundstein für die heutige Europäische Union gelegt. Dahinter stand die Idee, wirtschaftliche Interessen zu verknüpfen und so Stabilität und Frieden zu sichern. Ziel des EGKS-Vertrags war es, auf der Grundlage eines gemeinsamen Marktes für Kohle und Stahl, zum Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum und zu besseren Lebensbedingungen beizutragen. Dieses Prinzip gilt bis heute: Der Werkstoff Stahl – der mit über 2.500 verschiedenen Stahlsorten mit einem hohen technologischen Know-how verbunden ist – sichert industrielle Wertschöpfung und qualifizierte Beschäftigung. Gleichzeitig ist Stahl unverzichtbar für nahezu alle Schlüsselindustrien – vom Maschinenbau über die Automobilindustrie bis zu Infrastrukturmaßnahmen. Ohne Stahl wäre weder unser heutiges modernes Leben noch die klimaneutrale Transformation möglich.
Die saarländische Stahlindustrie und ihre Herausforderungen
Die deutsche Wirtschaft – von Industrieunternehmen bis Mittelstand – leidet unter Standortnachteilen, die teils auf nationaler, teils auf europäischer Ebene verortet sind. Dabei ist die Lage in der Stahlindustrie aufgrund massiven Importdrucks wegen chinesischer Überkapazitäten in Verbindung mit einer anhaltenden, jahrelangen wirtschaftlichen Stagnation und den politischen Rahmenbedingungen für die Dekarbonisierung extrem angespannt. Nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl ist die Rohstahlproduktion 2025 im Vergleich zum Vorjahr um rund 9 Prozent weiter eingebrochen. Noch besorgniserregender ist der Blick auf die langfristige Entwicklung: Während die weltweite Stahlnachfrage in den letzten 15 Jahren um über 30 Prozent gestiegen ist, ist die Rohstahlproduktion hierzulande um 15 Prozent zurückgegangen. Diese Entwicklung zeigt den besorgniserregenden Zustand des Stahlstandorts Deutschlands.
Das saarländische Projekt „Power4Steel“ der SHS – Stahl-Holding-Saar mit ihren Beteiligungen Dillinger, Saarstahl und ROGESA (SHS-Gruppe) ist das größte Dekarbonisierungsprojekt in Europa. Mit dem Bau einer Direktreduktionsanlage (DRI-Anlage) und zwei Elektrolichtbogenöfen (EAF) an den traditionsreichen Stahlstandorten in Dillingen/Saar und Völklingen stellen die beteiligten Unternehmen ihre Produktion schrittweise von der kohlebasierten Hochofenproduktion auf die wasserstoffbasierte Stahlerzeugung um. Unter Verwendung erster Wasserstoffmengen und von Stahlschrott ermöglichen die Anlagen eine Reduktion der CO₂-Emissionen um bis zu 55 % bis Anfang der 30er-Jahre. Der Einsatz von Gas ist dabei ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zur CO₂-armen Stahlproduktion, bis ausreichend Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar ist. Die Gesamtinvestitionssumme für den Umbau auf eine „grüne“ Stahlproduktion einschließlich Umfeldgestaltung, Infrastruktur- und Logistikmaßnahmen beträgt rund 4,6 Mrd. Euro. Für dieses zukunftsweisende Projekt erhalten die Unternehmen eine Förderung von Bund und Land in Höhe von 2,6 Mrd. Euro; die Restfinanzierung liegt bei den Unternehmen selbst. Bis heute wurden bereits Aufträge im Wert von rd. 1 Mrd. Euro an saarländische Unternehmen vergeben. Die SHS-Gruppe verfolgt konsequent das Ziel einer klimaverantwortlichen Produktion im Saarland. Damit legt sie zugleich das Fundament für eine künftige Wasserstoffwirtschaft in der Großregion und trägt damit dazu bei, die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Saarland zu sichern.
Die schrottbasierte Elektrostahlproduktion, wie beispielsweise die der Badische Stahlwerke GmbH in Kehl oder der Stahlwerke Bous GmbH in Bous, ist bereits heute ein zentraler Pfeiler einer CO₂-armen Stahlindustrie und schließt den Stoffkreislauf Stahl im Sinne der Circular Economy. Dennoch steht auch sie vor erheblichen Herausforderungen auf dem Weg zur vollständigen Dekarbonisierung. Kernproblem ist die Sicherung von Energie- und Rohstoffverfügbarkeit zu international wettbewerbsfähigen Preisen. Die Elektrostahlwerke sind auf große Mengen grünen Stroms angewiesen, dessen Anteil im Energiemix deutlich ausgebaut werden muss. Gleichzeitig ist die Verfügbarkeit von hochwertigem Stahlschrott begrenzt. Mit Voranschreiten der Transformation der Unternehmen der Hochofen-Route, wird die Verfügbarkeit von hochwertigem Stahlschrott von wachsender Bedeutung werden, da diese Unternehmen Stahlschrott in weit größeren Mengen als bereits heute einsetzten werden. Daher müssen Recyclingstrukturen sowie Aufbereitungs- und Sortieranlagen gezielt gefördert werden, um minderwertige Schrottsorten, die derzeit noch exportiert werden, aufbereiten und im Land halten zu können. Auch grüner Wasserstoff zu international wettbewerbsfähigen Preisen wird zeitnah benötigt, um Hochtemperaturprozesse in Walzwerken und in der Wärmebehandlung zu ermöglichen.
Für die Stahlindustrie geht es unter anderem insbesondere um einen wirksamen europäischen Außenhandelsschutz, um international wettbewerbsfähige Strom-, Gas- und Wasserstoffpreise sowie eine öffentliche Beschaffung, die die Produktion von emissionsarmen europäischen Grundstoffen stärkt.
Beiden Routen ist gemeinsam: Die Stahlunternehmen werden nur dann eine Chance am Industriestandort Deutschland haben, wenn dieser schnellstmöglich wieder international wettbewerbsfähig wird. Dazu gehören verlässliche politische Rahmenbedingungen und das Antizipieren von absehbaren Entwicklungen. So wird beispielsweise der Sekundärrohstoff Schrott oder die Verfügbarkeit von Graphitelektroden für den Elektrolichtbogenofen eine völlig neue wirtschaftliche Relevanz für die Stahlunternehmen bekommen.
Die Rolle von Wasserstoff für die klimaneutrale Stahlproduktion
Wasserstoff ist ein zentraler Baustein für die Dekarbonisierung der Stahlindustrie. Perspektivisch kann er Kohlenstoff als Reduktionsmittel ersetzen und so die direkten CO₂-Emissionen erheblich senken. Pro Tonne eingesetztem klimaneutralen Wasserstoff beim Stahl lassen sich 28 t CO₂ einsparen. Voraussetzung ist jedoch die ausreichende Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen sowie der Aufbau entsprechender Transport- und Speicherinfrastruktur. Für die Elektrostahl-Route spielt Wasserstoff ebenfalls eine Rolle, z.B. für die Substitution von Erdgas oder die Dekarbonisierung der Stromerzeugung.
Im Saarland gibt es konkrete Planungen und Projekte, die auf eine Integration von Wasserstoff in industrielle Prozesse abzielen. Dabei geht es u.a. um den Anschluss des Saarlandes an das nationale Wasserstoffkernnetz und an europäische Wasser-Infrastrukturprojekte.
Solange jedoch Wasserstoff noch nicht in ausreichenden Mengen zu wettbewerbsfähigen Preisen zur Verfügung steht, spielt Erdgas für Unternehmen der Hochofenroute eine wichtige Rolle.

Handelspolitik als Machtpolitik
Die Welt verändert sich in nie da gewesenem Tempo – und zwar mehrdimensional, d.h. in teilweise völlig verschiedenen Bereichen gleichzeitig. Beispielhaft seien nur die hegemonialen Bestrebungen verschiedener Regierungen, die Herausforderungen des Klimawandels und der disruptive strukturelle Veränderungsprozess in Wirtschaft und Gesellschaft durch digitale Technologien genannt.
Vor dem Hintergrund veränderter sicherheitspolitischer Rahmenbedingungen ist der Werkstoff Stahl für die Resilienz und Souveränität Deutschlands und Europas unverzichtbar. Stahl ist Grundstoff und Ausgangspunkt für nahezu alle Wertschöpfungsketten – einschließlich der Bereiche Verteidigung, Infrastruktur, Bau und Energieversorgung. Die deutsche Stahlindustrie ist damit systemrelevant für unsere Wirtschaftskraft und unseren Alltag - und damit unverzichtbar für den Staat.
Im Kern geht es daher um die Frage, ob man nach wie vor von einem arbeitsteiligen, weltweit funktionierenden Freihandel ausgeht oder beginnt, internationale wirtschaftliche Verflechtung und Abhängigkeiten strategisch zu betrachten. Ob man komplexe globale Lieferketten als optimiertes wirtschaftliches Handeln oder als strategisches und wirtschaftliches Risiko ansieht.
Während die Handelspolitik von Donald Trump dem „America First“-Prinzip folgt, setzt China mit seinem 15. Fünfjahresplan (2026 - 2030) den Fokus auf technologische Unabhängigkeit und die Kontrolle internationaler Wertschöpfungsketten. Freier Welthandel sieht anders aus.
Die auf nationaler und europäischer Ebene für die deutsche Stahlindustrie entscheidenden Themen sind vielfach diskutiert und formuliert worden. Zusammenfassend geht es insbesondere um die Themen: weltweite Überkapazitäten, international nicht wettbewerbsfähige Energiepreise und die Begleitung der Unternehmen auf dem Weg zur CO2-armen Stahlproduktion.
Die kommenden Jahre werden richtungsweisend sein. Zwischen Dekarbonisierung, globalem Wettbewerb und technologischer Erneuerung entscheidet sich, wie sich die Stahlindustrie im Saarland langfristig entwickelt.
Fotos: Stahl Verband Saar