Autor: von unserem Gastkommentator/in

18.02.2020

Nicht unfairer Wettbewerb, sondern abwandernde Kunden sind das Problem der Stahlindustrie

Prof. Dr. Roland Döhrn, RWI :

Nicht unfairer Wettbewerb, abwandernde Kunden sind das Problem der Stahlindustrie

Der deutschen Stahlindustrie ging es im internationalen Vergleich lange gut. Die deutsche Wirtschaft produziert sehr stahlintensiv. Etwa 500kg Stahl werden im Jahr pro Kopf verwendet. In Frankreich sind es nur rund 230kg, in Großbritannien sogar nur 165kg. Der Grund ist die hierzulande hohe Bedeutung von Branchen wie der Automobilindustrie und den Maschinenbau. Diese benötigen große Mengen von Stahl, und sie waren bislang auf dem Weltmarkt sehr erfolgreich. Davon profitierte auch die Stahlwirtschaft.

Zurzeit bläst den industriellen Stahlverwendern allerdings der Wind ins Gesicht. Die Automobilindustrie produzierte derzeit rund 15% weniger als vor einem Jahr und der Maschinenbau knapp 10%. Entsprechend sinkt auch die Nachfrage nach Stahl. So wurde im vierten Quartal 2019 im Vorjahresverglich 9% weniger Walzstahl erzeugt.

Soweit es sich dabei um ein Konjunkturschwäche handelt, kann man hoffen, dass auf schlechte wieder bessere Jahre folgen. Was aber, wenn die aktuell sinkende Produktion dauerhafte Änderungen ankündigt? Dies könnte insbesondere in der Automobilindustrie der Fall sein. Zum einen dürfte die inländische Nachfrage nach Autos künftig sinken: Die Umweltpolitik verteuerte die Nutzung des Autos; moderne Kommunikationstechnologie fördern das Car-Sharing, und die Zahl potenzieller Autokäufer dürfte im Zuge des demografischen Wandels sinken. Zum anderen dürften die deutschen Hersteller ihre Fahrzeuge demnächst dichter am Kunden, also im Ausland produzieren. Eine Rolle spielen dabei zwar protektionistische Tendenzen. Doch verlieren mit dem Übergang zur E-Mobilität die in Deutschland gut funktionierenden Wertschöpfungsketten an Bedeutung. Zudem ist die Batterie teuerste Komponente eines E-Autos, und diese wird derzeit nicht in Deutschland produziert. Warum sie also zuerst aus Asien nach Deutschland bringen, um sie später als Teil des Autos zurück zu transportieren?

Für die Stahlindustrie sind das schlechte Nachrichten: Ihr wichtigster Kunde, der ein Viertel des in Deutschland verfügbaren Stahls abnimmt, könnte dauerhaft weniger produzieren und damit auch Stahl benötigen. Tritt dies ein, wird ein Kapazitätsabbau und damit auch einen Verlust an Arbeitsplätzen unvermeidlich. Solche Anpassungen könnte dadurch beschleunigt werden, dass in der Stahlerzeugung ebenfalls technische Änderungen zu erwarten sind. Sollen die CO2-Emissionen weiter reduziert werden, muss nämlich Koks als Reduktionsmittel ersetzt werden. Hierfür bieten sich Erdgas oder Wasserstoff an. Dies setzt umfangreiche Investitionen voraus. Die Frage ist allerdings, wo diese neuen Stahlwerke entstehen und für welche Kapazität sie ausgelegt sein werden.

Der „Nationale Stahlgipfel“, der nun aber auch schon mehr als ein Jahr her ist, identifizierte unfaire Handelspraktiken und die Energie- und Umweltpolitik als Hauptprobleme der Stahlindustrie. Ein viel größeres Problem könnte allerdings entstehen, wenn wichtige Kunden abwandern. Dies ist vor allem mit Blick auf die Automobilindustrie ein realistisches Szenario.

 

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Der Beitrag stammt von Prof. Dr. Roland Döhrn, RWI – Leibniz Institute for Economic Reseach, Head of Department Macroeconomics and Public Finance, RWI, Essen

Foto: RWI, Essen

 

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