Autor: von Alexander Kirschbaum

13.03.2017

Neue Ansätze entwickeln

marketSTEEL: Die Digitalisierung eröffnet der Stahlbranche neue Geschäftsmodelle. Wo sehen Sie in diesem Bereich Potenziale für die mittelständische Industrie?

Die Digitalisierung der Fabrik wird auch in der Stahlindustrie eine Rolle spielen. Dabei geht es darum, aus der Vielzahl an Parametern und Informationen, die in der analogen Welt nicht zur Verfügung stehen, Daten zu generieren. Mit den richtigen Algorithmen lassen sich daraus Modelle bauen und Informationen ableiten, die letztendlich zu Prozessverbesserungen führen.  Das wird in der Stahlindustrie genauso der Fall sein wie in anderen Industrien, allerdings noch ein paar Jahre dauern bis es hier Geschäftsrelevant wird.

marketSTEEL: Um in diesem Bereich voran zu kommen, kooperieren alteingesessene Unternehmen verstärkt mit Startups. Sehen Sie da auch für die mittelständische Industrie Anknüpfungspunkte?

Ja, ganz klar. Vor allem im Hinblick auf mathematische Modelle. Man kann fast alles modellieren und dann in hohem Maße in der Realität nachweisen, etwa für den Gieß- oder den Walzprozess. Für solche Simulationen sind große Datenmengen nötig, die richtig verarbeitet werden müssen. Auch der Mittelstand muss die Startup-Szene im Blick behalten. Nicht unbedingt, um Startups selbst zu finanzieren, sondern um Kooperationen in die Wege zu leiten. Ein Startup bringt vielleicht die Idee mit und die Möglichkeit der Simulation, ein anderes die Daten. Hier kann die  mittelständische Industrie neue Ansätze ableiten

marketSTEEL: Eine Möglichkeit ist, dass Unternehmen selber Startups gründen.

Das Problem dabei: Startups brauchen Freiräume und sie müssen sich entwickeln können. Industrieunternehmen haben aber immer eine gewisse Erwartungshaltung. Es ist daher sinnvoller, wenn sie vielmehr einen Inkubator schaffen, in dem sich Startups industrienah mit ihren Ideen entwickeln können. Aber dafür müssen die Unternehmen erst die passenden Startups identifizieren.

marketSTEEL: Der globale Stahlmarkt ist derzeit von massiven Überkapazitäten geprägt. Wie können mittelständische Unternehmen auf dieses Problem reagieren?

Das Problem bleibt auch zukünftig bestehen. Der Abbau von Überkapazitäten geht immer einher mit dem Abbau von Arbeitsplätzen. Und wenn wir hier Europa als Beispiel nehmen: Die Europäische Union wird Einzelstaaten nicht zwingen Arbeitsplätze abzubauen. Vor allem nicht in Regionen, wo diese sehr stark benötigt werden.

Mit Überkapazitäten wird die Stahlindustrie leben müssen und der Mittelstand tut sich damit recht leicht, weil er flexibel ist. Viele Mittelständler positionieren sich so, dass sie von Überkapazitäten nicht getroffen werden, weil sie besondere Stahlqualitäten und Anwendungen anbieten. Für die großen Konzerne ist das schwieriger. Ein Konzernumbau erfordert über einen langen Zeitraum eine konstante und konsequente Unternehmenspolitik.

marketSTEEL: Welche Chancen sehen Sie für mittelständische Stahlunternehmen im internationalen Wettbewerb?

In vielen Anwendungsfällen haben Mittelständler noch gute Chancen, etwa wenn es um den Antriebsstrang im Fahrzeug geht. Das ist ein guter Markt, da sind eine hohe Qualität, eine hohe Liefertreue und eine schnelle Reaktionsfähigkeit gefragt. Alles was Mittelständler auszeichnet. Oder etwa bei geschmiedeten und gewalzten Werkzeugstählen. Die sind weltweit verschiffbar, weil sie hochqualitativ sind. Trotz der Logistikkosten lohnt es sich für Unternehmen, sie zu exportieren.

marketSTEEL: Und was sind für den deutsche Mittelstand die größten Herausforderungen in der Zukunft?

Die weitere Internationalisierung und Globalisierung der Wirtschaft. Der Mittelstand ist ja zunächst mit seinen großen Kunden ins Ausland gegangen und hat sich dann selbst vor Ort positioniert. Die hohe Dynamik in der Veränderung von Märkten wird für Mittelständler zunehmend zu einer Aufgabe. Neben der eigentlichen Produktion brauchen sie verstärkt einen Vertrieb, der solche Dynamiken studiert und daraus Nachfragesituationen und Lehren ableitet. Mittelständler sind hoch reagibel, aber sie müssen auch die Instrumente dazu erhalten, und das verursacht Kosten. Wenn man ein kleiner Mittelständler ist und dann international agieren soll, weil im eigentlichen Umkreis das Geschäft nicht mehr hergibt, dann wird es schwierig. Dann ist es nötig, die Kräfte zu bündeln.

Eine weitere Herausforderung ist es zudem, neue Technologietrends zu erkennen, wie den 3D-Druck oder Additive Manufacturing. Wenn man zu lange an den konventionellen Methoden hängt, dann könnte es zu spät sein. Die Bereitschaft sich auf neue Themen einzustellen ist ganz wesentlich. Das gilt auch für das Thema Elektromobilität, die die Zulieferketten im Automobilbau in hohem Maße verändern wird. Und diese Zulieferketten sind geprägt von Mittelständlern.

Michael Süß war u.a. Mitglied des Vorstands der Siemens AG und Geschäftsführer der Georgsmarienhütte.

Quelle und Fotos: marketSTEEL