Autor: von unserem Gastkommentator/in

10.10.2019

Materialverteilung in Zeiten verteilter Fertigung

Im Jahr 2015 kündigte das Weltwirtschaftsforum (WEF) die "verteilte Fertigung" als eine der zehn aufstrebenden Technologien an. Gerade in den letzten Monaten hat das Thema wieder an Aufmerksamkeit gewonnen. Für uns als Werkstoffhändler führt das zu der Frage: Wenn sich die Produktion verteilt, wie wird die Zukunft der Materialverteilung aussehen?“

Die Vorteile der Digitalisierung und ihre Konsequenzen

Wie jede andere Branche baut auch die Fertigung auf Digitalisierung, die es ermöglicht, überall auf der Welt per Knopfdruck Produktionsprozesse zu starten – die verteilte Fertigung dank Industrial Internet of Things (IIoT). Sie legt aber auch den Grundstein für einen neuen Trend: Weg von der Massenfertigung hin zu individuell nach Kundenwünschen angefertigten Produkten. Die Nachfrage danach ist steigend und hat zur Folge, dass die Losgrößen sinken. 

Digitaler Fortschritt bedeutet aber auch, dass der Materialverbrauch massiv zurückgehen wird. In einer gemeinsamen Studie mit der Ellen MacArthur Foundation schätzt McKinsey die Einsparungen an Materialkosten in der EU verarbeitenden Industrie bis 2025 auf bis zu 630 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Der Grund: die Steigerung der Produktivität.

Unsere Branche steht vor gewaltigen Veränderungen. Wir werden unseren Umsatz nicht mehr steigern können, indem wir einfach mehr Material verkaufen, denn diesen Bedarf wird es nicht mehr geben. Auch wird die Profitabilitätssteigerung durch massive Skalierung von Lagerbeständen ihre Grenzen erreichen. Unsere eigentliche Wertschöpfung wird in den Dienstleistungen rund um das Material und nicht im Material selbst liegen. Bei thyssenkrupp Materials Services nennen wir das „Materials as a Service“ – die smarte Interaktion von Werkstoffen und individuellen Services.

Paradigmenwechsel in der Wertschöpfung

Wir stehen vor der Herausforderung, kleinste Losgrößen aller Arten von Werkstoffen in kürzester Zeit in die entlegensten Orte der Welt zu liefern. Die Antwort darauf: Supply Chain Management. Vor 20 Jahren habe ich gelernt, dass ein guter Verkauf von einem guten Einkauf getrieben wird. Oder anders gesagt: billig kaufen und teuer verkaufen. Was dazwischen passierte, war zweitrangig. Heute stimmt das nicht mehr: Was dazwischen passiert, ist entscheidend. Wertschöpfung entsteht künftig vor allem dann, wenn wir unsere Kunden in ihrer Supply Chain unterstützen. Voraussetzung dafür ist die Optimierung unserer eigenen Lieferkette. Dazu müssen auch wir die Stärken der Digitalisierung nutzen und benötigen entsprechende Software.

Drei grundlegende Fragen

Softwarelösungen werden die gesamte Wertschöpfungskette unterstützen und damit in der Lage sein müssen, vertikale Integration zu erlauben. Das führt uns zur ersten von drei grundlegenden Fragen: Werden klassische Softwareunternehmen, die unseren aktuellen IT-Backbone zur Verfügung stellen, ihre Fähigkeit zur vertikalen Integration beweisen, oder müssen wir unser IT-Backbone diversifizieren?

Als langfristiger Player in diesem Markt verfügt thyssenkrupp Materials Services über eine riesige Datenquelle – und Daten sind das neue Gold. Damit kommen wir zur zweiten Frage: Wie können wir unsere Daten leicht nutzbar machen und unsere Fähigkeit zur Interpretation und Digitalisierung dieser Daten vermarkten? 

Cloud-Infrastrukturen bilden das Rückgrat des IIoT. Dafür benötigen wir externe Backbones, wie z.B. Infrastructure as a Service und Product as a Service. Diese Infrastrukturen erfordern technisches Fachwissen und nicht industrielles Know-how. Damit stellt sich die dritte Frage: „Wie kann man die Zusammenarbeit zwischen Technologie und Industrie stärken statt den Wettbewerb anzustacheln?“

Eins ist klar: die Rolle des Materialverteilers verändert sich mit der verteilten Fertigung. Unser industrielles Erbe kann dabei unsere Stärke sein, wenn wir zugleich den Mut zur Veränderung aufbringen und damit die Kraft in unserer Organisation entfesseln.

 

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Foto: thyssenkrupp Materials Services