Autor: von Dagmar Dieterle

06.03.2019

Die Stahlindustrie ist gut für die anstehenden Veränderungen in der Nachfrage positioniert

 Interview mit Dr. Heinz-Jürgen Büchner, Managing Director Industrials, Automotive & Services und Dr. Klaus Bauknecht, Chefvolkswirt, beide IKB Deutsche Industriebank AG

marketSTEEL: Wie schätzen Sie die gesamtwirtschaftliche Situation für 2019 ein

  1. a) Global b) europäisch c) für Deutschland?

Dr. Klaus Bauknecht:

  1. Die globale Konjunktur befindet sich aktuell in einer Verschnaufpause. Sorgen vor einer Rezession oder sogar einer globalen Wachstumskrise sind aber verfrüht. Entscheidend wird sein, ob die chinesische Regierung das Wirtschaftswachstum im Reich der Mitte stabilisieren kann. Rund ein Drittel des Weltwachstums kommt aktuell aus China.
  2. Das europäische Wachstum war im vierten Quartal 2018 sehr heterogen – mit Deutschland als eines der Schlusslichter. Einen stabilen, wenn auch moderaten Wachstumspfad nimmt aktuell der Konsum, während der Außenhandel 2019 kaum Wachstumsimpulse liefern sollte.
  3. Deutschland ist im vierten Quartal nur knapp einer technischen Rezession entgangen. Nach wie vor bleibt die deutsche Wirtschaft vorrangig vom Außenhandel abhängig. Angesichts des herausfordernden globalen Umfelds ist das Wachstumspotenzial der deutschen Wirtschaft 2019 eher begrenzt. Zwar dient der private Konsum insbesondere in diesem Jahr als wichtiger Anker für die Stabilisierung des deutschen Wachstums. Sein Wachstumsbeitrag reicht alleine jedoch nicht aus, um die wirtschaftliche Dynamik deutlich über 1 % zu halten.

 

marketSTEEL: Was sind aus Ihrer Sicht die größten wirtschaftspolitischen Herausforderungen für Deutschland 2019?

Dr. Klaus Bauknecht:

Die größte Herausforderung ist, Erwartungen nach Jahren des stabilen und hohen Wachstums den neuen Gegebenheiten anzupassen – auch wenn sich diese als nur temporär erweisen sollten. Der Anteil der Löhne am deutschen Volkseinkommen steigt seit einigen Jahren kontinuierlich, während das Produktivitätswachstum eher auf der Strecke geblieben ist. Auch 2019 sollte dieser Trend angesichts der Lohnforderungen anhalten und Unternehmen verstärkt unter Ertragsdruck setzen. Das Wachstum der Lohnstückkosten liegt in Deutschland nun schon seit Jahren über dem des Euro-Durchschnitts. In Kombination mit einer möglichen Euro-Aufwertung könnte dies die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland empfindlich belasten. Auch die Erwartungen des Staates hinsichtlich zukünftiger Einnahmen und daraus abgeleitete Transferleistungen bergen ein Risiko –  insbesondere in Form eines weiteren Anstiegs der effektiven Steuerlast. 

 

marketSTEEL: Im Januar hat sich die Stimmung der Unternehmen in Deutschland weiter eingetrübt. Das ifo-Geschäftsklima verschlechterte sich. Wie deuten Sie die Rahmenbedingungen?

Dr. Klaus Bauknecht:

Das ifo Geschäftsklima ist einer der belastbarsten Frühindikatoren für die deutsche Konjunktur. Der Rückgang im Januar deutet darauf hin, dass das Wirtschaftswachstum selbst im zweiten Quartal 2019 Gegenwind erfahren könnte. Kurzfristig ist sicherlich mit keiner Aufhellung der Erwartungen und somit der Stimmungsindikatoren zu rechnen.

 

marketSTEEL: 2018 lag die weltweite Stahlproduktion über dem Vorjahr 2017. Die Preise für Warmbreitband und verzinkte Bleche gaben im Dezember nach. Wie sehen Sie die Preisentwicklung für 2019?

Dr. Heinz-Jürgen Büchner:

Im Gesamtjahr 2018 lag die weltweite Stahlproduktion um 4,5 % über Vorjahr. Die Weltrohstahlproduktion erzielte mit 1,79 Mrd. t einen neuen Rekord. Für 2019 sieht die IKB nur einen Anstieg um 0,5 % auf 1,8 Mrd. t. Hiervon dürften 43,5 Mio. t aus Deutschland kommen.

Entscheidend für die weitere Entwicklung des Preisniveaus sind vor allem die Trends bei den Vormaterialpreisen. So zogen etwa die Eisenerzpreise im Januar 2019 im Monatsdurchschnitt um über 4 US-$/t an, während sich Kokskohle zuletzt stark verbilligte. Bei Eisenerz könnte es infolge des Dammbruchs in Brasilien, der sich bei einer Mine des weltgrößten Eisenerzproduzenten Vale ereignete, zu möglichen Lieferstörungen kommen, was die Spotmarktpreise für Eisenerz anziehen lassen dürfte.

Die Schrottpreise sanken im Januar 2019 deutlich, da sowohl der Export vor allem in die Türkei nachließ, als auch der Inlandsbedarf an Schrott, weil ein wichtiger Verarbeiter aktuell eine Stranggussanlage erneuert und daher temporär einen niedrigeren Schrottbedarf hat. Bis Ende März 2019 sieht die IKB jedoch ein Aufwärtspotenzial bei den Schrottpreisen von rund 3 %.  Bezogen auf Warmbreitband und verzinkte Bleche (auch Zink notierte zuletzt deutlich fester) erwartet die Bank daher bis Ende März um gut 2 % anziehende Preise. Die Walzdrahtpreise sind im Januar relativ stabil geblieben; hier sieht die IKB eher eine Seitwärtsbewegung.

marketSTEEL: Verschiedene Punkte wie die US-Politik von Trump, Brexit, Europawahl verunsichern den Mittelstand. Wie wirkt sich dies auf die deutsche Industrie aus? Wie kann sich der Mittelstand schützen?

Dr. Klaus Bauknecht:

Die größte Verunsicherung geht aktuell von der konjunkturellen Eintrübung aus; angetrieben von der deutschen Automobilindustrie, deren wichtigste Absatzmärkte in den letzten Monaten deutlich enttäuscht haben. Die aktuelle Konjunktureintrübung hat allerdings weniger mit den oftmals genannten globalen Risiken zu tun, sondern ist eher auf eine klassische konjunkturelle Abkühlung zurückzuführen. Allerdings könnten sich durch den Brexit durchaus weitere europäische konjunkturelle und politische Risiken ergeben.

Da die deutsche Industrie einen hohen Offenheitsgrad hat, wird sie besonders von globalen Dynamiken geprägt – die Zahlen der deutschen Industrieproduktion in den letzten Monaten haben dies bestätigt. Auch 2019 sollte die deutsche Industrie Gegenwind spüren und erhöhter Volatilität ausgesetzt sein. Die IKB rechnet mit einer deutlichen Wachstumsverlangsamung beim deutschen Verarbeitenden Gewerbe.

In unsicheren Zeiten mit unsicherem Absatzwachstum sind eine robuste Liquiditätsplanung und ein solider Liquiditätspuffer von vorrangiger Bedeutung. Auch wenn die Zinsen der EZB noch lange niedrig bleiben werden, ergibt sich durch die sich eintrübende Konjunktur eine zunehmende Risikoaversion auf den Finanzmärkten, was die Kosten für Liquidität sowie für den Refinanzierungsbedarf eines Unternehmens empfindlich ansteigen lassen könnte.

 

marketSTEEL: Angesichts der wachsenden Zurückhaltung vieler Unternehmen und Kunden sowie der nach wie vor verhaltenen Nachfrage in der Automobilindustrie ist die Industrie in Alarmbereitschaft. Sie schätzen Sie die Lage ein?

Dr. Heinz-Jürgen Büchner:

Die Erwartungen in Bezug auf die Produktion von Light Vehicles (bis 2,8 t Stückgewicht) gehen in der nächsten Dekade von einem jährlichen Output zwischen knapp 100 und 110 Mio. Einheiten pro Jahr aus, wobei ab 2025 Stückzahlen von 105 bis 108 Millionen erreicht werden sollen. Das Gros des Wachstums erfolgt außerhalb Europas und der USA.

Gleichwohl ist für 2019 ein temporärer Rückgang bei den produzierten Stückzahlen zu erwarten, zumindest was die Inlandsproduktion anbelangt. Dies tangiert natürlich auch viele Zulieferer negativ. Der Großteil der Gesamtproduktion deutscher OEM erfolgt allerdings außerhalb Deutschlands., Zumindest in den asiatischen Standorten sollten Zuwächse möglich sein.

Gravierender sind die mittel- und langfristigen Entwicklungen im Antriebsstrang: Verschiedene Prognosen sehen eine zunächst stark anziehende Bedeutung hybrider Antriebsformen, während reine Batterie-Lösungen erst nach 2025 auf nennenswerte Stückzahlen kommen.

Forschungsaktivitäten gehen zudem zunehmend nicht nur in den batteriebetriebenen Antrieb, sondern auch in synthetische Kraftstoffe sowie in Antriebsformen wie Brennstoffzellen etc.

Der Anteil von E-Vehicles am Gesamtbestand im Jahr 2030 wird  in den meisten  Basisprognosen auf ca. 15 % geschätzt, bei optimistischer Prognose sind bis zu 25 bis 30 % möglich. Dies wird deutlicher Auswirkungen auf die Zulieferer und die Hersteller von bestimmten Komponenten im Pkw haben. 

 

marketSTEEL: Die Automobil-Industrie ist ein wichtiger Abnehmer der Stahlbranche und stark im Wandel. Ist die Stahlbranche hierauf vorbereitet?

Dr. Heinz-Jürgen Büchner:

Der Trend zur E-Mobility verändert den Werkstoffmix im Automobil. Insbesondere Leichtbauwerkstoffe gewinnen an Bedeutung und ersetzen konventionelle Stahlsorten. Bessere Chancen für konventionellen Stahl sieht die IKB im Nutzfahrzeugsegment sowie in der Bauindustrie und bei anderen Abnehmern.

Hochfeste Stahlsorten sind zwar aufgrund ihrer Zusammensetzung teurer als konventioneller Stahl, dürften jedoch von den Entwicklungen profitieren, da sie bessere Härte- und Stabilitätseigenschaften aufweisen.

Für rostfreie Güten sehen wir sehr gute Zukunftschancen. Sie könnten allerdings durch temporäre Engpässe bei Nickel und Ferromolybdän deutlich im Preis anziehen. Rostfreier Stahl  erhält zudem positive Impulse durch die Nachfrage aus der Aerospace-Industrie, der Produktion Weißer Ware und dem Anlagenbau. 

Kaltgewalzte Stahlprodukte erhalten ebenfalls positive Impulse von der Produktion Weißer Ware und der Elektroindustrie.  Vor allem aber profitieren sie mittelfristig von einem exponentiellen Wachstum bei Batteriegehäusen und der Herstellung von Elektromotoren.

Insgesamt ist die deutsche und österreichische Stahlindustrie vergleichsweise gut für die anstehenden Veränderungen in der Nachfrage positioniert, gerade auch im Quervergleich mit dem Gros der nordamerikanischen Anbieter.

 

Das Interview führte marketSTEEL mit:

Dr. Heinz-Jürgen Büchner, Managing Director Industrials, Automotive & Services und

Dr. Klaus Bauknecht, Chefvolkswirt, beide IKB Deutsche Industriebank AG

Weitere Informationen finden Sie unter IKB