Autor: von Hubert Hunscheidt

11.02.2020

Der Weg zu einer klimaneutralen Produktion in der Gießerei

Die Gießerei Föhl mit ihrem Hauptsitz in Rudersberg im württembergischen Remstal fertigt Druckgusskomponenten aus Zink und Kunststoff anhand unterschiedlicher Verfahren in höchster Präzision. In vier Standorten im Großraum Stuttgart und einer Tochtergesellschaft in Taicang bei Shanghai beschäftigt das Unternehmen 700 Mitarbeiter. Neben dem Bau der energieeffizientesten Gießerei Europas im Jahr 1999 bietet das Unternehmen heute eine klimaneutrale Produktion.

 

marketSTEEL sprach mit dem Gesellschafter und CEO Dr. Frank Kirkorowicz über die Anforderungen, die eine nachhaltige Unternehmenskultur mit sich bringt.

 

marketSTEEL: Sie beschäftigen sich schon sehr lange mit dem Thema Umweltschutz. Wie verlief die Entwicklung des Unternehmens?

Seit knapp 25 Jahren beschäftigen wir uns mit dem Thema Umweltschutz. Die Klimaneutralität ist inzwischen zu einem Megatrend geworden, der die Welt nachhaltig verändern wird. Wir wurden bereits 1996 nach EMAS zertifiziert. Diese freiwillige Verpflichtung Energie einzusparen und Abfälle zu reduzieren wurde kurze Zeit später durch die ISO 14001 ergänzt, die als international anerkannte Norm für Umwelt-Managementsysteme gilt. Damals haben wir bereits durch ein zertifiziertes Umwelt-Managementsystem umweltschonendes Verhalten in unsere Prozesse implementiert.

 

marketSTEEL: Gießereien stehen in dem Ruf, die Umwelt extrem zu belasten. Wie haben Sie es geschafft schon 1999 die energieeffizienteste Gießerei Europas zu betreiben?

Durch unseren hohen Anspruch im Umweltmanagement schafften wir es, mit modernsten Einrichtungen die Energieeffizienz der Gießerei kontinuierlich zu steigern: Mit Absauganlagen und -techniken erreichen wir Emissionswerte weit unter den vorgeschriebenen Standards. Maßnahmen zur Energie- und Abfallreduktion, Materialeinsparung, Wärmerückgewinnung, Kühlung ohne Energiezuführung sowie Nutzung von Abwärme werden im Rahmen unseres Umweltmanagements stetig verbessert. Auch wurde die Produktionsbeleuchtung auf LED umgestellt.

 

marketSTEEL: Sie sind ständig bemüht, tragfähige Lösungen zwischen Ökologie und Ökonomie zu entwickeln. Was bedeutet das für Sie?

Alle Innovationen aus unserem Haus verlangen unter der Maßgabe der Nachhaltigkeit optimierte Prozesse. Daraus ergeben sich auch neue Technologien.

So haben wir ein Verfahren entwickelt, mit dem Zinkgussteile mit einem Korrosionsschutz beschichtet werden können. Der klassische Schutz gegen Korrosion ist die Galvanik, die die Umwelt sehr stark belastet. Mit unserer Technologie Föhlan erfüllen wir die gleichen Standards wie die galvanische Beschichtung, verbrauchen dabei aber nur einen Bruchteil der Energie. Außerdem vermeiden wir giftige Stoffe. Als Grundlage werden für die Aktivierung alkalische Flüssigkeiten statt Säure eingesetzt, die Passivierung erfolgt auf CR3-Basis und die verwendeten Nanopartikel bestehen aus anorganischem SiO2 sowie einem organischen polymerähnlichem Stoff, der 100 % biologisch abbaubar, nicht brennbar und nicht ätzend ist. Entsprechend besteht keine Abwasserproblematik. Darüber hinaus ergeben sich weitere Einsparungen, zum Beispiel, weil die Fahrten zwischen Produktion und Beschichter entfallen.

Neben dem großen Vorteil für die Umwelt ist unser Verfahren hocheffizient, da wir für die Beschichtung viel weniger Material verbrauchen. Im Gegensatz zur Galvanik bietet unser Föhlan bessere Gleiteigenschaften und auch Hohlräume werden gleichmäßiger beschichtet.

Eine weitere Technologie, die wir entwickelt haben, ist die Heißkanaltechnik, das sog. angussarme oder angusslose Gießen. Das bedeutet im Klartext, dass wir viel weniger Angussmaterial produzieren. Also weniger Einschmelzen, weniger Aufschmelzen. Im Vergleich zur klassischen Gießtechnik verdoppeln wir die Anzahl der Formnester auf der bestehenden Maschinengröße und können so im Idealfall den Energieeinsatz um bis zu 50 Prozent senken.

Wir haben bei uns noch nicht alle Maschinen und Werkzeuge auf Heißkanaltechnik umgestellt, da sie bei den Werkzeugen um etwa 30 Prozent teurer ist. Diese Kosten amortisieren sich erst bei hohen Stückzahlen.

 

marketSTEEL: Umweltschutzmaßnahmen sind für ein Unternehmen zunächst einmal kostenintensiv. Wie rechnet sich das bei Ihnen?

Wenn man die Energieeffizienz kontinuierlich optimiert, profitiert die Umwelt, was ein Ansinnen unseres Hauses ist. Gleichzeitig profitiert das Unternehmen durch geringeren Einsatz von Energie und Material. Für die Produktion braucht man Maschinen, die auf Energie angewiesen sind und von Menschen bedient werden. Also müssen auch die Mitarbeiter ins Boot geholt werden, wenn man ein messbares und funktionierendes Umweltmanagement etabliert. Material- und Energieeinsatz, Abfalltrennung und -vermeidung sowie die Nutzung des Kreislaufsystems müssen aufeinander abgestimmt werden. Unter diesen Voraussetzungen bedeutet das, dass Gießen und Klimaneutralität kein Widerspruch sind. Im Gegenteil, sie sind Treiber für innovative Prozesstechnologie.  

Das erklärt auch unseren Erfolg in China: Dort sind die Umweltstandards mittlerweile zum Teil höher als in Deutschland. Unsere Technologien kommen dort am Markt schneller an als bei uns in Deutschland.

Wir lassen in unserem Bemühen nicht nach. Im Gegenteil: In unserer Föhl-Akademie werden unsere Mitarbeiter ständig geschult. Energie Scouts überwachen unsere Systeme auf Verschwendung, die dann abgestellt werden können.

 

markeSTEEL: Herr Dr. Kirkorowicz, vielen Dank für das Gespräch.