Autor: von unserem Gastkommentator/in

21.01.2019

Der Strategische Einkauf ist tot

Ein Nachruf aus der digitalen Zukunft

Ja, es war eine schöne Zeit mit dir strategischer Einkauf. Damals um die Jahrtausendwende warst du gerade erst zur Bedeutung gekommen. Ignacio Lopez hatte das Warengruppenmanagement nach Deutschland gebracht und Gerd Kerkhoff hatte mit seinem Buch „Milliardengrab Einkauf“ die Bedeutung von dir, Strategischer Einkauf, für alle verständlich gemacht.

Auch wir hatten die ersten Mitarbeiter hinsichtlich strategischem Einkauf ausgebildet. Kein Lieferant konnte dir weit genug im Osten sitzen. Denn alles, was du angepackt hattest, bedeutete Einsparungen. Diese flossen reichlich und man sprach schon davon, dass der Einkaufsleiter der zukünftige CFO werden würde.

Einkauf 4.0 und so Gedöns

Aber dann kamen die anderen mit der Digitalisierung. Viele sprachen von „Einkauf 4.0“, aber keiner konnte sich anfangs darunter etwas vorstellen. Auch du hast es als „Schnickschnack“  oder „Gedöns“ abgetan. Was sollte einem gewieften strategischen Einkauf denn schon Bits und Bytes anhaben können.

Die ersten Anfänge waren Lösungen von Start-Up Unternehmen wie riskmethods oder Shouldcosting. Die einen nutzten die Daten aus dem Internet, um Vorhersagen zu treffen für die Risiken, die in der Supply Chain lagen. Die anderen extrahierten die unternehmensinternen CAD- und ERP-Daten, um parametrische Kostenmodelle zu ermitteln. Auf jeden Fall ging es immer um Daten.

Plötzlich waren die anderen in der Lage, schneller auf unvorhersagbare Ereignisse in der Welt zu reagieren bzw. konnten innerhalb von Sekunden Zielkosten für neue Teile ermitteln. Sie gewannen einen Geschwindigkeitsvorsprung, den du damals gar nicht so wahrgenommen hattest.

Aber dann ging es erst so richtig los

Dass dies nur der Anfang war, konntest du nicht ahnen, mein kleiner Einkäufer. Denn weitere Lösungen entstanden, die du dir in deinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hättest.

  • Integrity Next konnte auch Lieferanteninformationen in Social Media Networks wie Twitter oder Facebook finden, die doch eigentlich nur für den Privatgebrauch angedacht waren.
  • Scoutbee hatte mittels künstlicher Intelligenz eine Lieferanten-Suchmaschine geschaffen, die mir sagen konnte, von wem mein Wettbewerb beliefert wurde.
  • Mit Celonis entstand ein ganz neues Feld der Datenanalyse, dem „Process Mining“. Hierbei wurden die Transaktionsdaten im ERP-System analysiert und dir aufgezeigt, wo prozesstechnisch wirklich der Hase in deinem Unternehmen entlangläuft.

Last but not least kamen auch die Roboter im Zuge des Robotic Process Automation (RPA). Nein, das waren keine Blechkisten wie in Star Wars sondern kleine Softwareprogramme, die insbesondere bei repetitiven Aufgaben zwischen SAP, Outlook und Excel zum Tragen kamen.

Das war zu viel für dich. Die Digitalisierung hat dich dahingerafft, da die Vorteile hinsichtlich Schnelligkeit und analytischem Vorgehen unschlagbar waren. Mögest du in Frieden ruhen.

Lang lebe der neue Einkäufer!

An deine Stelle ist nun der „coexistente“ strategische Einkäufer getreten, der zwar weiterhin Mensch ist, aber mit Algorithmen und Daten zwei Partner hat, die ihn in seiner Schnelligkeit und seiner Analytik unschlagbar machen. Lang lebe der neue Einkäufer!

 

 

Frank Sundermann ist geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung Durch Denken Vorne Consult GmbH. Weitere Informationen finden Sie unter www.durchdenkenvorne.de.

Foto: Frank Sundermann

 

Der Gastkommentar spiegelt die Meinung des Autors wider, nicht notwendigerweise die der Redaktion von marketSTEEL.