Autor: von Alfons Woelfing

12.02.2019

Harter Brexit würde deutschen Arbeitsmarkt besonders treffen

Sollte Großbritannien ohne Vertrag aus der Europäischen Union austreten, hätte das Folgen für den internationalen Handel und die Arbeitsmärkte in vielen Ländern, auch außerhalb Europas. Berechnungen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zeigen: Weltweit könnten mehr als 600 000 Arbeitskräfte betroffen sein, aber nirgends so viele wie in Deutschland.
 
Ein ungeordneter Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) würde viele Volkswirtschaften der Welt beeinträchtigen. Wie eine neue Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) auf Basis von Daten für 43 Länder zeigt, könnten insgesamt mehr als 600 000 Arbeitskräfte die Folgen eines so genannten harten Brexits zu spüren bekommen. Die größten Auswirkungen hätte demnach Deutschland mit mehr als 100 000 betroffenen Arbeitskräften zu verzeichnen, gefolgt von China (knapp 60 000) und Frankreich (circa 50 000) sowie Polen und Italien (je circa 46 000 Arbeitskräfte). Dabei sind Entlassungen nur eine von mehreren Möglichkeiten. Wegen des Fachkräftemangels in vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften könnten Betriebe auch versuchen, ihr Personal zu halten, indem sie beispielsweise Kurzarbeit ansetzen oder neue Absatzmärkte erschließen.
 
Ein harter Brexit würde die globalen Wertschöpfungsketten durcheinanderwirbeln
 
In ihrer Untersuchung haben die IWH-Ökonomen detailliert aufgeschlüsselt, (a) welche Industrien (b) in welchen Ländern betroffen wären und (c) welche Folgen dies für die jeweiligen Arbeitsmärkte hätte. Alle Berechnungen basieren auf der Annahme, dass in Großbritannien nach einem harten Brexit die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen aus der EU um ein Viertel sinkt, ohne dass sich die britische Nachfrage für Güter aus anderen Regionen erhöht. Grund dafür sind höhere Preise, denn Importe aus den verbleibenden EU-Staaten würden wegen neuer Zölle teurer. Innerhalb der dann verkleinerten Europäischen Union könnten knapp 180 000 Arbeitsplätze in Firmen betroffen sein, die ihre Produkte direkt nach Großbritannien liefern. Weil die Märkte global vernetzt sind, sind ebenso Zulieferer betroffen, die außerhalb der EU angesiedelt sind. Das erklärt die starke Betroffenheit von Ländern wie China. Ein Blick auf die betroffenen Wirtschaftszweige zeigt, dass weltweit Dienstleistungen, Landwirtschaft, Metall- und IT-Industrie stark betroffen sind.
„Ein harter Brexit würde die globalen Wertschöpfungsketten durcheinanderwirbeln“, sagt Studienautor Oliver Holtemöller, stellvertretender Präsident und Leiter der Abteilung Makroökonomik am IWH. „Deshalb kann ein ungeregelter Austritt Großbritanniens aus der EU erhebliche Wohlstandseinbußen mit sich bringen. Aus ökonomischer Sicht bleibt zu hoffen, dass es doch noch zu einer Einigung kommt.“
 
Darüber hinaus haben die IWH-Wissenschaftler die Effekte auf die 401 deutschen Kreise untersucht. Ein harter Brexit würde in Deutschland insbesondere die Autoindustrie und darum vor allem die Kreise Wolfsburg (Sitz von Volkswagen) und Dingolfing-Landau (BMW) treffen. In der deutschen Autoindustrie (Produktion und Handel) insgesamt könnten 15 000 Beschäftige von den Absatzeinbußen betroffen sein.
 
Die Berechnungen des IWH basieren auf Zahlen der World Input Output Database (WIOD). Anlass der Studie ist die Brexit-Abstimmung des britischen Parlaments am 15. Januar 2019. Es lehnte den Austrittsvertrag ab, den Premierministerin May mit der EU ausgehandelt hatte. Das Votum hat die Wahrscheinlichkeit eines ungeordneten Austritts Großbritanniens aus der EU erhöht.
 
Quelle: Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) / Vorschaufoto: marketSTEEL