Autor: von Andreas Schneider

16.11.2017

Neue Worldsteel-Prognose: ein kleiner Paukenschlag

Der im Oktober vorgelegte neue Nachfrageausblick des Weltstahlverbandes worldsteel enthält als kleinen Paukenschlag eine deutliche Revision der Nachfrageeinschätzung für den chinesischen Markt. Diese unterstreicht nicht nur, wie groß dort das Problem mangelnder Datenqualität ist, sondern hat auch Folgen für die Dynamik am Weltstahlmarkt und für das Verständnis der diesjährigen Stahlmarktentwicklung.

Zwar ist die Pressemeldung des Weltstahlverbandes im üblichen geschäftsmäßigen Ton gehalten. Was da im Oktober verkündet wurde, lässt den Stahlmarktbeobachter aber doch aufhorchen. Nicht mehr um 0%, wie noch im April prognostiziert, sondern um stolze 12,4% soll nach Einschätzung der Organisation die chinesische Stahlnachfrage in diesem Jahr wachsen. In Tonnen ausgedrückt sind dies gegenüber der April-Prognose fast 85 Mio. Tonnen mehr Stahl, der in diesem Jahr in China verbraucht wird. Dies entspricht etwas mehr als der Hälfte des gesamten EU-Bedarfs.

Begründet wird die drastische Revision in einer „special note“ mit der in diesem Jahr in China (zusätzlich zur Stilllegung von offiziell erfassten Kapazitäten) erfolgten Schließung von zahlreichen Induktionsöfen. Diese meist veralteten und kleinen Anlagen seien in der offiziellen Statistik bisher ebenso wenig erfasst gewesen wie die Verwendung des in diesen Öfen erschmolzenen Stahls. Drei Viertel der Prognoseanhebung beruht somit auf einer Verschiebung von inoffizieller auf offiziell erfasste Stahlerzeugung. Dass ein derart großer Teil des Stahlmarktes bisher unter dem Radar von Statistik und Marktberichterstattung hindurchfliegen konnte, macht einen zunächst einmal sprachlos. Zwar waren schon in den vergangenen Jahren rückwirkende Korrekturen von chinesischen Stahlmarktzahlen nicht unüblich, aber das diesjährige Ausmaß stellt eine neue Dimension dar und unterstreicht die mangelnde Belastbarkeit vieler Daten. Das Gefühl, dass mit der vielfach erzählten China-Story eines stagnierenden Marktes etwas nicht stimmen kann, hat sich voll bestätigt.

Zwar ist die Bewertung des Vorgangs als einmaliger statistischer Basiseffekt richtig. Dennoch gehen damit veränderte Markteinschätzungen einher. Denn die Umlenkung der Erzeugung von schrottbasierten Induktionsöfen auf die offiziell erfassten Stahlunternehmen impliziert höhere Bedarfe an Eisenerz und Kokskohle, da über die Hochofenroute fast 95% des chinesischen Stahls erstellt wird. Die über den Erwartungen liegenden Preise für diese Rohstoffe in diesem Jahr können damit teilweise erklärt werden. Ebenso wird besser nachvollziehbar, warum die chinesischen Stahlpreise zuletzt trotz einer deutlich ausgeweiteten Erzeugung und sinkender Exporte ein Mehrjahreshoch erreicht haben. Denn das offizielle Produktionsplus von gut 6% bis Oktober relativiert sich vor dem Hintergrund der noch viel stärker gewachsenen Nachfrage. Zudem dürfte in den verbleibenden chinesischen Stahlwerken die Kapazitätsauslastung und damit die Kostenstruktur und die Preissetzungsmacht spürbar gestiegen sein.

Immerhin ein Viertel der Aufwärtsrevision basiert auf unerwarteten Zuwächsen beim „echten“ chinesischen Stahlbedarf. Dies erklärt worldsteel mit stimulierenden Maßnahmen der Regierung, durch die die Stahlnachfrage aus der Bauwirtschaft unterstützt worden sei. Die Zuwächse aus diesem Verwendungsbereich liegen bei 3,5% und übertreffen damit alle anderen Verbrauchergruppen.

Die Vorhersage für den globalen Stahlverbrauch hat worldsteel von 1,3% im April nun auf 7,0% hochgesetzt. In Tonnen entspricht dies einer Prognose-Anhebung um 87 Mio. Tonnen. Davon entfallen lediglich 3 Mio, Tonnen auf den „Rest der Welt“ ohne China. Insgesamt fällt das Wachstum des Stahlbedarfs in den Industrieländern stärker aus als erwartet, während die Entwicklungs- und Schwellenländer die Erwartungen für dieses Jahr nicht erfüllen können. Entsprechend diesem Muster wurden die Wachstumserwartungen für die EU von 0,5 auf 2,5% und für Deutschland von 0,9 auf 2,1% nach oben korrigiert.

Weitgehend bedingt durch den China-Effekt wird die offizielle Weltstahlnachfrage in diesem Jahr um 106 Mio. Tonnen gegenüber dem Vorjahr steigen. Dies ist der stärkste Zuwachs seit 2010 und eine markante Abweichung zu den Jahren 2014 bis 2016, wo der stärkste jährliche Zuwachs bei 16 Mio. Tonnen lag. Nach drei Jahren einer defacto-Stagnation ist der Weltstahlmarkt in diesem Jahr ganz unvermittelt in einer Boomphase gelandet. Die weltweiten Mehrjahreshochs bei den Stahlpreisen und den Unternehmensergebnissen der Stahlhersteller sind eine Folge davon.

Allerdings ist eine Fortsetzung der Geschichte im nächsten Jahr nicht in Sicht. Sowohl für China als auch für die EU und die USA fallen die Wachstumserwartungen deutlich schwächer aus als für 2017. Darauf werden wir in der Dezember-Ausgabe des Stahlmarkt-Blogs näher eingehen.

   

Quelle:

http://stahlmarktconsult.de/blog/entry/neue-worldsteel-prognose-ein-kleiner-paukenschlag

 

Der Beitrag stammt vom Leverkusener Stahlmarkt-Berater Andreas Schneider, StahlmarktConsult. Foto: StahlmarktConsult

Der Gastkommentar spiegelt die Meinung des Autors wider, nicht notwendigerweise die der Redaktion von marketSTEEL.